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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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zugleich seinen besseren Menschen abgibt, so hat das 
die „Ball-Dame“ von heute nicht mehr nötig. Die 
Frauen haben beim Ablegen noch weniger Arbeit zu 
leisten. Der vulgäre Berliner hat für solche Ent 
kleidungswunder, wie sie jetzt Mode sind, das drastische 
Wort geprägt: „Ein Schlag und du stehst im Hemde 
da“. Ins Literarische übertragen kann man Wedekinds 
Wort vom „Dekollete vorn bis zum Taillengürtel und 
hinten bis zur Bewußtlosigkeit“ anwenden. 
Die Mode schrieb in diesem Winter wahrhaft kuriose 
Dinge vor. „Vieles sah ich und manches ward mir 
bewußt“ singt Wotan. Und so versteigt sich die 
Wedekindsche, nach hinten gerutschte Bewußtlosigkeit 
sogar bis zu der Tatsache, daß man von manchen 
Frauen behaupten konnte, sie hätten sich auf ihren 
Rückenausschnitt setzen können. Um der Wahrheit 
die Ehre zu geben, muß gesagt werden, daß immerhin 
nicht wenige Frauen sich den Luxus dieser neuen 
„Entkleidsamkeit“ leisten konnten. Insbesondere war 
der „Ball der Filmindustrie“ reich an hübschen und 
gut angezogenen Frauen, wogegen beim Presseball, 
bei dem ein fürchterliches Gedränge herrschte, so 
einiges an „would-be“ - Eleganz geleistet wurde. Grad 
messer der Frauenschönheit im Dekollete: Der Kognak- 
Konsum. Der Ökonom des Zoologischen Gartens ver 
sicherte uns auf Rückfrage, daß beim Presseball bereits 
um Mitternacht sämtlicher Kognak ausverkauft war. 
Eine herbe Kritik. Um ein Uhr soll eine fast gar 
Berliner Bälle sind nun einmal Massenvergnügen. 
Diese Leutchen gehen aufs Ganze, und bei den auch 
für die „nouveaux riches“ nicht unbeträchtlichen Kosten 
solcher nächtlichen Eskapaden denkt natürlich jeder, 
nicht angezogene Blondine in der Mitte des Marmor 
saales mit hörbarem Knall zerplatzt sein. Stoffreste 
von ihr wurden überhaupt nicht mehr vorgefunden. 
Den Geist halte sie bereits zu Hause aufgegeben. 
daß auf solchen „Krampf“ nun auch mit einem „Krampf“ 
geantwortet werden muß. 
ln früheren Zeiten war es doch ganz anders: 
es kostete nicht viel, war aber dafür gemütlicher. 
Was würden unsere Altvordern zu unseren Berliner 
Ballsälen aus dem Winter 1921 sagen, falls ihnen 
vergönnt sein sollte, aus irgend einem himmlischen 
Wolkenfenster in sie hineinzuschauen? Aus Marmor 
ist nur der Saal im Zoologischen Garten, der die 
tanzenden Berliner Menschen in seine kühlen Wände 
schließt. Sonst ist alles in Glut getaucht. Heute 
steppen die Exzellenzen, jazzen die Großmütter, fox- 
trotten die Urgroßmütter. Vorn Museum, hinten Lyzeum. 
Junge Damen, selbst der allerbesten Gesellschaft, zeigen 
alles, was sich nur so zeigen läßt. Bedeckt ist nur 
das Mittelstück. Und dieses Gold- und silberdurch- 
wirkte Wickelband kostet mehr als die mit Volant 
behaftete, knisternde Seidenrobe der Großmutter. 
Heute geht es futuristisch, kubistisch, expressionistisch, 
sezessionistisch, bolschewistisch zu, und nur selten 
kommt das zum Durchbruch, mas man mit humoristisch 
bezeichnen könnte. 
Faschings-Atmosphäre bedeutet Verübung eines 
Heidenlärms, zu dem die neuesten Errungenschaften, 
die Jazzbanden, ihre infernalische Begleitung spielen. 
Wir haben diesen Winter auf einem Vulkan getanzt 
und haben uns dabei wohlgefühlt, weil wir, ach, so 
wenig verwöhnt sind . . . Jazzi
        
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