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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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„Du denkst zu schieben und du wirst geschoben“ . . . 
Das dürfte das Motto aller Berliner Bälle der diesjährigen 
Saison gewesen sein. Man verstehe den getreuen 
Chronisten nicht miß. Das soll nicht heißen, daß alle 
die unzähligen und ins Gigantische gewachsenen Grenz 
spenden-, Presse-, Bühnen-, Film- und Karikaturisten- 
Bälle nun etwa gar, soweit die Wohltätigkeit in Betracht 
kommt, mit dem ominösen Wort „Schiebung“, wie es 
unser neudeutsches Nachkriegs-Wörterbuch versteht, 
zu tun hatten. Beileibe nicht! Wenn beim Presseball 
fünftausend Karten ausgegeben wurden, so ist deren 
Ertrag sicherlich ganz und gar dem Unterstützungsfond 
des sehr verdienstlichen Vereins Berliner Presse zu 
geflossen. Ebenso wie Oberschlesien bestimmt deshalb 
deutsch bleiben wird, weil die von Wohltätigkeitssinn 
überfließenden Berliner so viel und so teure Sekte 
dahinfließen lassen. Das Wort „Schieben“ bezieht sich 
hier auf das, was wenigstens die Jugend gemeinhin auf 
Bällen zu tun wünscht — nämlich auf das Tanzen. 
Die verheerende Fülle, die fast alle Berliner Bälle 
großen Stils auszeichnete, war der Grund, weshalb hier 
nicht mehr vom Tanzen, sondern nur noch vom Schieben 
zu sprechen ist: Ob es nun bei der „Nacht der Frauen“ 
in der parkettierten und grell scheinbeworfenen Arena 
des Großen Schauspielhauses war oder in den unzähligen 
überfüllten Sälen des Zoo beim Presseball: Überall 
wurde man mit mehr oder weniger Absicht „gepreßt“. 
An die Brust, in die respektiven Arme oder um den 
Nacken. Schon der weise Philosoph Wilhelm Busch 
hatte das, wenn auch weniger aggressiv als es jetzt ist 
vorausgesehen, indem er dichtete: „Und inniglich in 
süßem Drange schmiegt sich die Wange an die Wange“. 
Wie ferner Posthornklang tönt dieses „inniglich“. Und 
wir Poesielosen sprechen nur vom Schieben . . . weil 
wir Armen, ach, Kinder unserer Zeit sind. 
Aber auch sonst sind solche Berliner Bälle der wahr 
hafte Abglanz unseres heutigen Lebens. Nur wer mit 
beiden Ellenbogen vorwärts drängt, kommt weiter. Du 
trittst in den Vorsaal einer solchen neuzeitlichen Ver 
gnügungsstätte und legst, indem Du deine Garderobe 
ablegst, auch deinen besseren Menschen ab. Du wirst 
zum Eroberer. Der zartbesaitete Kavalier von früher 
(siehe Webers „Aufforderung zum Tanz“) existiert 
nicht mehr. Und der Mann von heute denkt nicht so 
sehr an die Frau (am allerletzten an seine eigene) als 
an die Eroberung eines guten Platzes. Er will sehen 
und gesehen werden. Wie beim Boxkampf. Zu sehen 
gibt es genug. Wenn der „Ball-Mann“ mit dem Mantel
        
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