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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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as wäre sie ohne ihn? Gatten sind sechs Wochen 
nach der Hochzeit eine Selbstverständlichkeit, oft 
eine unangenehme — Freunde wechseln mit dem Monde, 
stellenweise noch öfter; treu ist nur Er, der Einzige, Goldige, 
der hohe Herr Hund. Er darf morgens früh, wenn sie auf 
gewacht ist, zu ihr ins Bett — was sie jedem andern sehr 
übelnehmen würde— er darf ihr jederzeit auf den Schoß 
springen, er allein; für ihn hat sie immer Zeit und ihn pflegt 
sie mit genau derselben Hingebung, die sie von den Männern 
für sich selbst verlangt. Er wird vom ersten Hundeschneider 
gekleidet, er frißt — oh pardon — genießt nur reines Fleisch 
und weißes Brot, er schläft auf Seide und weichsten Daunen. 
Dafür ist er aber so blödsinnig vornehm, daß er zum Beispiel 
auf der Straße zu gewissen Zwecken nur seinen eigenen 
Stamm - Baum benutzt. Er ist die Liebe, das schwärmerisch 
angebetete Idol seiner Herrin, die seine Sklavin ist — und 
der Haß der Freunde, die er manchmal in den entscheidend 
sten Momenten durch sein Dazwischenkommen empfindlich 
stört. Manche Frau hat ihrem Freunde abgesagt, weil der 
sich nun mal mit Ihm nicht stellen konnte. Und wenn man 
gewisse Frauen vor die Frage stellte „eins mußt du ver 
lieren, deine Perlenkette oder deinen Hund — was willst 
du behalten?“ — ich glaube, ohne Besinnung würden sie 
antworten: „Ihn. Von allem nur ihn!“ Vigo
        
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