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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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DAS MODELL 
Skizze von Paul Richard Hensel. 
E rika wurde ungeduldig. 
»Komm, wir haben noch so viele Säle anzuschauen. 
Gefällt dir das Bild so?« 
»Ja, es ist eigenartig schön. Ich bewundere, wie der 
Maler es verstanden hat, 
in dem Körper dieses 
Mädchens dessen ganzes 
Wesen zu offenbaren, ohne 
uns doch das Gesicht zu 
zeigen. Aber so, wie es 
abgewendet ist, gesteht es 
noch eine verborgene Seite, 
die man enthüllen möchte.« 
»Ich glaube gar, du ver» 
liebst dich noch in das 
Bild.« 
»Oder in das Modell«, 
sagte der Freund scherzend, »man hätte Lust es kennen 
zu lernen.« 
»Aber Rudi, vielleicht beantragst du noch, daß unter 
jedem weiblichen Bildnis die Adresse des Modells steht.« 
»Das braucht es gar nicht. 
Das Suchen ist doch viel 
interessanter.« 
»Nun komm doch!« 
willig zog sie ihn fort. 
Nur das Auge 
gibt dem Gesicht pikanten Reiz und 
ausd rucksvolle Schönheit 
NerO a echte Augenbrauenfärbung M. 30 
Augen-Necessaire (Augenfeuer, Augen* 
braucn-Saft und -Stift) . M. 45.- 
Prospckte kostenfrei. 
G.M. 
B.H. 
KANTSTR. 158, 
FRAU ELISE bock: 
BERLIN-CHARLOTTENBURG 45 / 
Um 
'TVeder' Scthah. noch 
Am nädisten Tage kam 
Rudi eine halbe Stunde zu 
spät zu Erika, aber freudig 
erregt. 
»Du, denke dir, ich war 
auf der Ausstellung —« 
»Herrgott, schon wieder?« 
»— und habe mich nach 
der Adresse des Malers er» 
kündigt.« 
»Welches Malers?« 
»Du entsinnst dich doch 
des Bildes mit dem rätsel» 
haftem Akt, das mich so 
interessierte.« 
»Ja, und?« 
»Ich möchte zu ihm hin» 
gehen.« 
Erika stand auf, »Dann 
ist es wohl das beste, du gehst 
gleich. Ich will dich nicht auf» 
halten. Solange dich Bilder 
und — Modelle in so großem 
Maße interessieren, will ich 
deineZeitnichtbeanspruchen.« 
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»Sei doch nicht so töricht, was soll das heißen?« 
»Es ist ja lächerlich, dieses Interesse für ein — Modell!« 
»Was willst du damit sagen? Sind das nicht auch 
Menschen wie wir? Sind das nicht Mädchen, die in gewissem 
Grade eure Schwestern 
sind? Es ist Qberhebung, 
hart von diesen Geschöpfen 
zu sprechen. Und wenn du 
ein wenig Menschenkennt» 
nis hast, wirst du aus 
diesem Bilde erkannt haben, 
wie wenig für diese Frau 
der Begriff »Modell« paßt. 
Das ist kein Dutzend» 
geschöpf, sondern ein Weib 
von eigenartigster Indivi» 
dualität.« 
»Woher weißt du das?« 
»Das fühlt man. Nicht alles. Es ist viel Verborgenes 
darin, ein seltsames Gemisch von Herbheit und Wissen, 
aber auch von Reinheit. Setze dich einmal allein vor 
solch ein Bild, und du wirst 
eine ganze Lebensgeschichte 
darin lesen.« 
»Aber, was geht die Frau 
dich an?« 
Rudi senkte den Kopf. 
»Ich sprach doch nur von 
dem Bild.« 
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C^ann^f(atua(2/^uija 
£/ aeaenußet *Bem 
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Erhält [ich in allen einschlägigen Geschäften, 
wo nicht vorhanden, weisen Bezugsquellen nach. 
Seitdem kamen sie seltener 
zusammen. Von dem Bilde 
wurde nicht mehr gesprochen. 
Erika selbst vermied es, darauf 
zu kommen. Nach drei 
Wodien — ihr Weg führte 
sie gerade an der Ausstellung 
vorüber — begegnete ihr vor 
dem Eingang Rudi, Verlegen 
schlug er die Augen nieder, 
als er sie begrüßte. 
»Du warst in der Aus» 
Stellung?« 
»Ja, ich ... ich wollte 
einige Bilder noch einmal 
sehen.« 
»Zufällig heute?« 
Er antwortete nicht. 
»Du bist öfter hier?« 
»Ja, Erika.« 
Da sagte Erika ganz weich, 
fast mitleidig:
        
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