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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

U nweit des Hafens. In einem kleinen Cafe. An einem Neben 
tisch sitzt eine Dame. Hochblondes Haar. Die sollte ich doch 
kennen... ? Ich blättere das Archiv meines Lebens durch bis in die 
ferne Jugendzeit - nirgends findet sich ihr Name verzeichnet. Da - 
fast wollte ich sie schon ad acta legen - finde idi auf einer Seite das 
Wort; Namenlos - dahinter: S. S., also wär es Sehr schön! 
Darum frisch ans Werk. Zunächst grüfee ich hinüber. Mein Gruft 
wird kühl - ablehnend erwidert. Soll mich das abschrecken? Nein! 
Also stehe ich auf, und mit einem „Gestattet?* setze ich midi an 
ihren Tisch. Ihrerseits wird Erstaunen markiert. — 
„Kennst du mich denn gar nicht mehr?* frage ich schlieftlich. 
„Dul?" - „Jawohl, dul* - „Ich kenne Sie nicht, mein Herr!" - 
„Doch, auch du kennst mich sehr genau, wenn auch nicht dem 
Namen nach, aber das war ja das Geheimnisvolle unserer ganzen 
Begegnung; - es war dein Wunsch und ich - muftte mich fügen . ." 
„Idi wüftte nicht. .* - „Dann laft mich dir unsere Geschichte erzählen, 
um dein Gedächtnis zu beleben; dann wirst auch du dich erinnern ... 
Hast du nie mehr an jene sonderbare Nacht gedacht, jene sternen 
klare, flimmernde Vollmondnacht? . . Freilich ist es schon eine ganze 
Reihe von Jahren her, aber trotz alledem! - trotz aller Stimmungen, 
die in der ganzen Zeit auf mich einsfürmten, jene Nacht mit ihrem 
reinen Zauber steht unverlöschlich in meinen Gedanken fest, als sei 
sie erst gestern gewesen. Erinnerst du dich nicht mehr ? . . 
Du weiltest bei Verwandten auf einem Gute in Thüringen. Ich 
lag damals meinen Studien ob. Die groben Ferien waren sang- und 
klanglos, ganz ohne Erinnerungen zu hinterlassen, vorbeigezogen; 
da kam ich auf den Gedanken, zu wandern. Ich war ja frei. Manch 
altes Sfädilein lag hinter mir, der Wettergoti war mir auch gnädig und 
so kam ich eines Abends in die Nähe von 5. - Bei deinen Verwandten 
bat ich um Nachtquartier. - Nach dem Abendessen traf ich dich im 
Park. Wir kamen ins Plaudern und schlenderfen dabei immer weiter. 
Schlieftlich war uns die ganze Zeitrechnung abhanden gekommen. - 
Ja, wie soll ich dir das weitere schildern, ohne in Siimmungsdusel, 
wie du es so schön nanntest, zu verfallen. Mädel, ich wollte, ich 
hätte noch manches Jahr solche Stimmungen. - Es war eine köstliche 
Nacht. Eigentlich war es wohl erst Abend. Plötzlich brach aus zerrissenem 
Gewölk der Vollmond. Stern reihte sich an Stern zu demantener 
Kette. Und vor uns auf dem kleinen Flüftchen lag ein Nebelsfreif, 
der die ganze dahinter liegende Landschaft in einen Schleier hüllte; 
nur an der Brücke war eine Insel im Nebelmeer. Auf diese 
Insel steuerten wir zu. Rings um uns her flimmerte 
es wie hundert Irrlichter, und ich hätte mich gar 
nicht gewundert, wenn uns eine Fee in den Weg 
getr en wäre und uns nach unseren Wünschen 
gefragt hätte. Neulich, beim letzten Vollmond, 
hatten wir wieder eine solche Nacht. Dann ist 
es einem, als müfete man die Arme weif aus 
breiten, tief Atem holen und dem Himmel ent 
gegenfliegen. Weifet du, so wie das kleine 
Sprühteufelchen auf Brandenburgs Gemälde in der guten alten Se 
zession. Er hat es „Der Zaubermantel" genannt. Ich hätte es „Herbst 
nacht" betitelt. Zufällig stimmt aber auch die Landschaft darauf mit 
unserer thüringer überein: das weite Nebelmeer und die Insel. 
Bald hatten wir jene Brücke erreicht. Wer von uns beiden zu 
erst auf den Gedanken kam, das kleine angekettete Boot zu lösen 
- ich weift es heute nicht mehr. Genug; wir beide saften darin und 
lieben uns von der Strömung treiben. Nun hatte sie didi doch 
wohl auch etwas gepackt, die wunderbare Herbstnachtstimmung, 
denn als ich dir den gesundheitswidrigen Vorschlag machte, ein 
wenig auf der Wiese zu ruhen und in die Sterne zu starren, da 
warst auch du gleich dabei. — Ich sehe heute noch dein offenes, 
blondes Haar und die groben fragenden Augen von unergründ 
licher Tiefe. 
Plötzlich fiel es mir ein, - ich hatte mich dir ja noch gar nicht 
vorgestellt und wollte das nun nachholen. .Bitte, nicht!' sagtest 
du. — .Warum?' — ,Es ist so schön heute Nacht. Wir wollen uns 
doch als Menschen kennen lernen und nicht als Träger irgend eines 
Namens, bei dem man sich doch nichts denken kann.' . . . 
Und dann lernten wir uns bald als Menschen kennen - unter dem 
blauen Sternenhimmel - auf der vom Vollmond beschienenen Wiese 
Hand in Hand wanderten wir zurück zum Gut. Und dann - weifet 
du noch, wie wir in dem kleinen Gartenhäuschen soften, in dem die 
japanische Ampel seltsame Lichtwirkungen hervorbrachfe ? - Über 
was haben wir eigentlich gesprochen? Wohl Ober die Schönheiten 
der Nacht, Ober Kunst und Schönheit im allgemeinen. 
Als wir Abschied nahmen, dämmerte es bereits und Ich pilgerfe 
von dannen. - Weif bin ich ja nicht gekommen, denn gar bald - auf 
jener Wiese - warf ich mich wieder ins Gras und träumte. Tnumte 
von blonden Haaren, von Sternen und unergründlich tiefen Augen. 
Es war ein geheimnisvolles Weben in der Luft . . . denkst du nun 
an jene wunderbare Nacht?" . . . 
„Ja, Heinz, jetzt erinnere ich mich . . ." 
„Nanu, du kennst doch meinen Namen? . . ." 
„Ja. lieber Junge, - nun bin ich am Erzählen: Am Morgen nach 
deinem Fortgehen hielt ich es nicht lange aus im Hause - nach der 
Nacht. Auch ich ging zu jenem Wiesenplafz, auf dem wir so Jung und 
glücklich waren. Da fand ich ein Heft, schmucklos, in blauem Karton. 
Darinnen aber standen Gedichte von einem gewissen Heinz, wie mir 
das Titelblatt verriet. Und da das letzte Gedicht von blonden 
Haaren sprach und von einer prächtigen Vollmondnach» 
erzählte, glaubte ich ein gewisses Eigentumsrecht an 
diesem Heftchen zu haben. - Möchtest du es 
wiederhaben?" — — — 
Nachdem ich die unscheinbaren Blätter derjugend- 
schwärmerei in ihrem schmucken Heim nodi ein 
mal durchgelesen hatte. Oberlieft ich sie ihr zum 
ewigen Angedenken. Das letzte Gedicht darinnen 
aber feierte eine herrliche, reifere Auferstehung .. 
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