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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Klarinette, die ein schwarzhaariger Pierrot quält. 
Er ist der Führer der Kapelle, der den früher so 
beliebten »Sdimusgeiger« abgelöst hat. Gott, 
diese Stahlsaiten^Paganinis waren ja auch nichts 
anderes als Pierrots, trotz ihres eleganten Fracks, 
die die kommerzienrätlichen Kolombinen aus der 
Tiergartenstraße in jene herrliche Stimmung zu 
bringen hatten, in der dann Graf Puccinello, LeuU 
nant der Reserve, Triumphe feierte. Nun haben die 
Amerikaner die letzte Konsequenz gezogen und 
sieb mit dem Kleid des ewiggenarrten Pierrots an= 
getan. Sie wissen ja so gut, daß letzten Endes 
die anderen die Genarrten sind. 
Da kommen halbflügge Gymnasiasten und ge 
setzte Matronen und alle packt ihre Rattenfänger 
musik. Zu den halsbrecherischen Kaskaden und 
Kapriolen, in denen vier Hände wie wild über die 
Tasten rasen, hüpft die Klarinette von höchster Höhe 
zu tiefster Tiefe, und der 
Trommler markiert den 
Rhythmus. »Das ist der 
Rhythmus, wo jeder mit 
muß«. Der Trommler hat 
eine eigene Physiognomie, die 
des anti^musikalischen Kom^ 
ponisten. Er macht mit töd^ 
lieber Sicherheit jeden getra= 
genen Boston zum wirbeln^ 
den Fox. Er kennt keine 
Pausen, kein Halt, Wenn 
seine Trommel nicht mehr 
ausreicht, dann schlägt er 
auf Pauke und Blechdeckel, 
schlägt Wirbel auf dem Kopf 
des Geigers, und dann zieht 
es ihn magnetisch zu »sei 
nem« Apparat. Dort hän^ 
gen von einem Rahmen 
Wein= und Bierflaschen, 
Teekessel, Deckel, Kuhglok^ 
ken und Radfahrklingeln, und 
all das kreischt, quietscht, 
miaut, quakt und heult in 
wildem Chaos an unsern schon so gequälten Ohren 
vorbei. 
Hier kennt man keinen Dreivierteltakt. Ein 
wahrer Höllenlärm wird allen möglichen und un^ 
möglichen Instrumenten entlockt. Das unsinnige 
Gliederverrenken der tanzenden Paare paßt sich 
der ohrenbetäubenden Musik an. 
Ein guter alter Walzer von Strauß wird hier zur 
Josephs^Legende und schlanke Frauen rasen ohne 
Schatten vorüber, Mimmi tanzt Shimmy. Phanta^ 
stischste Vorstellungen vom »Tanz ums Goldene 
Kalb« verblassen, Salomes Celly de Rheydt^Ballett 
vor Herodias ist eine Gavotte gegen dieses wilde, 
zum Knäuel geballte Durcheinander von Füßen, 
Armen und Rückenausschnitten. 1 aktweise klappert 
man die Absätze gegeneinander <was man so in 
der goldenen Jugendzeit mit »Storch im Salat« 
bezeichnete), und wenn das ganze aus ist, sagt man, 
man habe getanzt, es 
sei aber furchtbar anstren= 
gend gewesen, und man 
schwört sich, es nie wieder 
zu tun. Und dann singt 
die Kapelle von neuem; 
»Shimmy, o, how I love you« 
und vergessen ist Schwur 
und Schweiß, und man rast 
von neuem über den roten 
Teppich. 
Ja, das ist nidit Berlin, 
wie es tanzt, das ist eine 
arme, fiebernd pochende 
Menschheit, die gerne auf 
bauen möchte und es nicht 
darf, und deren Betätigungs» 
eifer sich' auf die Beine ge 
schlagen hat. 
Wenn Amerika uns wirk= 
lieh vernichten will — besser 
als mit seinen Jazz-Bands 
kann es das nidit. Es 
ist eine »beinliche Angele^ 
genheit«. 
Zeichnungen oon fboris.
        
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