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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Von HußertMißetta. 
R oman stand vor dem großen ovalen Spiegel seines Schlafzimmers und wühlte 
in seiner umfangreichen Krawattensammlung. »Siehst du,« bemerkte der 
Dandy zu mir, »am konventionellsten ist die Mode gerade in dem 
Kleidungsstück geblieben, das die kürzeste Entwicklungsphase erlebt hat, 
nämlich im — Smoking, Vielleicht ist es nur Gewohnheit, jedenfalls ist 
mir der Smoking das unentbehrlichste Kleidungsstück geworden, gerade 
weil er so unpersönlich wirkt und die abendliche Silhouette unserer 
modernen Herrenwelt uniformiert. Denn er erfüllt vielleicht am 
besten Oskar Wildes Dekret von der Llnauffälligkeit in der 
Herrenkleidung. Und doch kann sich auch hier der Mann von 
Geschmack für den Kennerblick aus der Masse hervorheben 
— durch die Variation der Krawatte. Der Geschmack eines 
Mannes zeigt sich in der Krawatte: Sie kann entweder 
ein liebloser Knoten oder ein ästhetisches Kunstwerk 
sein. Der bestgeschnittene Smoking wirkt nicht, 
wenn die dazugehörige Krawatte schlecht gebunden 
ist. Dagegen kann eine gut geknüpfte Schleife 
einem nicht erstklassig sitzenden Abendanzug 
dennoch ein gefälliges Aussehen verleihen. 
Die Form der unscheinbaren 
eine 
schwarzen 
Smokingschleife richtet sich immer nach 
dem jeweiligen Stil der Mode. Das 
nur auf die Bequemlichkeit des Trägers 
Rücksicht nehmende Dinner«Jackett 
Eduards VII, bedingte 
große, sehr lose gebundene 
Schleife. Mit der Zeit wurde 
der Schnitt des Smokings 
graziöser und betonte 
auch die Taille. Ana 
log verjüngte sich der 
mittlere Knoten der 
Krawatte immer 
mehr, und es 
entstand die 
Schmetter« 
lings« 
schleife. 
Je mehr 
die Taille 
herausgearbei« 
tet wurde, desto 
kleiner wurde die 
Schleife gebunden. 
Im vergangenen Jahre 
kam von Amerika eine 
neue Mode herüber, die 
zunächst sehr originell wirkt. 
Aus einem sehr schmalen, bei« 
nahe schnürsenkelartigen schwarzen 
Ripsband mit schräg abgeschnittenen 
Enden wird eine mittelgroße Schleife 
ebunden. Diese Krawattenform lehnt 
an die jetzt sehr niedrig gehaltenen 
Kragenmoden an. Die jüngste Schöpfung 
ist die nur aus zwei Flügeln bestehende Kra« 
walte, die nicht als Schleife, sondern nur mit 
zwei Knotungen geknüpft wird, also einem Pro« 
peller gleicht. Auch sie ist mit Rücksicht auf die äugen« 
blickliche Kragenform mit den weitumgebogenen Ecken 
geschaffen worden. Die vierflügelige Schleifenform kolli« 
dierte häufig mit den tief reichenden Kragenecken, was bei 
dieser neuesten Bindeart ausgeschlossen ist. Modische Re« 
volutionäre versuchen von Zeit zu Zeit das traditionelle »Uni« 
des Smokings durch Schwarz«weiß«Kompositionen zu unter« 
brechen. Diese die Harmonie des feierlichen Abendanzuges zer« 
störenden Kapriolen sollten lieber vermieden werden. Ebensowenig 
geschmadkvoll ist eine andere Variation, die von amerikanischen Dandys 
kreiert wurde. Man versucht zu einem weichen Smokinghemd eine niedrige 
Klappkragenform, ähnlich derjenigen der »Eton«boys«, einzuführen, bei der 
die Krawatte nur durch einen kleinen schwarzen Vorstoß angedeutet wird. 
Das sind modische Extravaganzen, die stets nur von einem kleinen Kreis 
von Modesnobs gepflegt werden. Am kleidsamsten ist immer noch die »Butter« 
fiy« mit dem winzigsten Knoten, der erzielt werden kann.
        
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