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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

DER HERR DIREKTOR 
Von Stefan Sz6Kely. 
Er: Vor allem möchte icfi bemerken, daß idi die 
Wünsche der Autoren stets in Ehren halte,- ich rede 
ihnen nicht drein, ich verstehe nidits von Literatur, idi 
weiß ganz gut, daß idi ein Esel bin, ein alter Blödian, 
der sich nur aufs Geschäft versteht . . . aber darauf 
wenigstens ordentlidi. Das sage ich bloß, damit Sie 
keine Angst zu haben brauchen, daß man in meinem 
Theater auch ins Stück hineinredet, daß man über 
haupt irgendwie den Autor zu beeinflussen sucht, 
besonders den Autor eines so guten Stückes, so 
wie Sie. 
Ich: Jawohl. 
Er: Tja. Das wollte ich Ihnen nur sagen, Sie 
können ganz ruhig sein,- ich bin nidit so wie die 
anderen Direktoren, die immer mit allerlei Ein 
wänden und Vorschlägen ankommen, zum Beispiel 
wegen der Primadonna müßte man noch dies und 
jenes, oder es wäre besser so und so, und daß 
der jugendliche Liebhaber lieber hierüber und darüber,- 
wie gesagt, so etwas dulde ich nicht, ich erlaube 
so etwas nicht, so etwas gibt es bei mir nicht. 
Denn wer immer was immer auch redet; ich weiß 
am besten, daß ein gutes Stück immer ein gutes 
Geschäft ist, und ein gutes Stück ist nur dann ein 
gutes Stück, wenn der Autor es gut geschrieben hat. 
Ich: Jawohl. 
Er: Und wenn das Stück gut ist, dann lasse 
ich es spielen, auch wenn es kein Geschäft ist, zum, 
Teufel nochmal! Denn die Hauptsache ist die Lite® 
r.j ur, und auch das Niveau,- idi bin nicht so, wie 
die anderen Direktoren, 
Ich; Jawohl, 
Er: Na, sehen Sie. So ist das auch mit Ihrem 
Stück. Sie haben das Stück gut geschrieben, und da 
soll es auch gut bleiben. Dadarf 
man nichts ändern. Und mag 
auch derRegisseur kommen; und 
der Dramaturg, und die Lya 
Lo, und der jugendliche Lieb® 
haber, und der Logenschließer, 
und wer sonst noch will: Ich 
lasse ihnen nicht dreinreden. 
Ich: Jawohl. 
Er: Nein,undnochmalsnein. 
In solchen Sachen verstehe ich 
keinen Spaß, das Stück bleibt, 
wie es ist, der Bankdirektor hei® 
ratet zum Schluß das Schreib® 
maschinenfräulein, das . . . 
Ich; Verzeihung, bitte . . . 
Er; Wie, bitte? 
Ich: Verzeihung, bitte, der Bankdirektor heiratet 
doch zum Schluß nidit das Schreibmaschinenfräulein, 
sondern . . . 
Er: Was?! Der Bankdirektor heiratet nicht das 
Schreibmaschinenfräulein ?! 
Ich: Nein, pardon, das ist ja gerade der Kern — 
das Mark des Ganzen . . . 
Er: Was für Mark? 
Ich: Das Mark des Stückes, das . . , 
Er: Ihr Mark vielleicht, aber nidit das Mark 
des Stückes. Ist denn so was sdion dagewesen?! 
Der Bankdirektor soll nidit das Schreibmasdiinen® 
fräulein heiraten?! Sie haben wohl den Verstand 
verloren, junger Mann?! Sie denken doch nicht 
etwa, daß ich in meinem Theater ein Drama spielen 
lasse, wovon alle Leute gegen die Wand rennen, — 
oder wenigstens gegen die Kasse, um ihr Ein® 
trittsgeld zurüdczuverlangen?! Nee, ausgesdilossen, 
der Bankdircktor heiratet das Schreibmasdiinen® 
fräulein, beziehungsweise die Filmdiva , , . 
Ich: Was für eine Filmdiva? 
Er; Das Schreibmasdiinenfräulein wird inzwisdien 
für den Film entdeckt. Sie bilden sich doch nidit 
ein, daß sie Ihnen zuliebe drei Akte lang im Büro 
hodcen wird? Was? Das Schreibmaschinenfräu^in 
wird im zweiten Akt von dem großen Film® 
regisseur entführt . . . 
Ich: Was für ein Filmregisseur? 
Er; Den Sie als Lehramtskandidaten geschrieben 
haben. Sie Kamel,- Sie glauben doch nidit etwa, daß die 
Lya Lo sich mit einem Lehramtskandidaten einläßt? 
Ich; Aber, ich bitte . . . 
Er; Sie haben gar nichts zu bitten, sondern merken 
Sie sich, daß dieDame vonWelt, die Sie zur Bankdirek® 
torsgattin protegiert haben, 
schon im ersten Akt den Pfad 
der Tugend betreten hat und ins 
Kloster geht, denn das braudit 
man der Rührung wegen, und 
daß die Aktien, die sdion ganz 
schlecht gestanden haben, zu 
steigen beginnen . . . 
Ich; Um Gottes willen, 
wessen Aktien?! . . . 
Er ; Die Aktien des! heaters, 
Sie Unglückseliger, was dachten 
Sie denn?! Meinen Sie viel® 
leicht, daß man das Theater zu 
Ihrem Vergnügen erbaut hat? 
CAus dem Ungarischen übersetzt 
von Barbara Triedmann.) 
IS
        
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