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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Aus dem dunkelsten Berfin 
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Von Ha n s Hy a n 
mit Zeichnungen von P a u C H a a s e 
| ie Straßen glänzen und glim 
mern, vom Sprühregen über 
taut, trotz düsterer Beleuchtung. Ein 
Auto krächzt, ich muß warten, ehe 
ich über den schwarzen Damm gehe. 
Quer rüber nach der Ecke, wo drei 
Stufen überm Trottoir die Destille 
ihre Türen weit aufreißt und Licht 
ins Dunkel stößt . . . Der Schnaps 
zwei, drei, fünf Mark, trotzdem sind 
genug Leute drinn . . . Eben kommt 
eine Frau heraus, eine Alte, mit weiß- 
angeklebtem Scheitel unterm Hut, 
der aus Sammet, schwarz, mit einer 
Feuerblume — ein Witz! — über 
dem alten, fleischigen Angesicht mit 
der etwas übergekippten Nase steht. 
... Ich seh sie im schönsten Licht, deutlich, sie ist zweifellos 
älter als sechzig Jahre . . . und gehe vorbei . . . das Bild schon 
verwischt und in Gedanken bei Anderem ... —- — — — 
„Na, Jungchen, wie is ?.. kommste mit ?" 
Es klingt, wie wenn ein heiseres 
Mädchen spricht. . . ich dreh mich um . . . 
das kann doch nicht sein? . .. Unsinn! ... 
„ . . . kommste? . . . ja? . . . 
sollst mal sehn, wie scheen wa 
uns amesiern . . . “ 
Da bleib ich stehn und seh 
sie mir wieder an, diese Venus 
priesterin. Und frage: obs 
denn ihr Ernst ist? — „Ja.“ — 
Und ich geh mit. 
In der Seitenstraße, das Haus 
offen, leise durch den dunklen 
Flur . . . der Hof düster, naß 
und übelriechend. 
„In ’n Keller ..." 
Ich stocke einen Augenblick. 
Dann geh ich weiter. Auf der 
Kellertreppe steckt sie ein 
Streichholz an und verbrennt 
sich die Finger, denn die 
Schachtel kostet vierzig Pfen 
nige. 
Da hinein? . . . Ah! . . . 
„Es stinkt doch so, hier?“ — 
„Ja, jleich hier vorne licht 
det Klosett . . . Un er, 
wat der Olle is, ick meene 
den Mann von meine Wirtin, der jeht doch mit ’n Leierkasten 
un sauft soville, und denn bedreckt er sich von oben bis 
unten, un denn schmeißt se ’n darin, bis andern Morjen, wenn er 
wieda nichtern is . . . “ 
In der Stube aber roch es, wie in einer Gruft . • . 
„Det kommt von de Pilze . . . sehn Se ma, da an de Wand . • . 
nu, läßt er denn wat machen, der olle Stiesel von Wirt?! . . . 
sowat, det mißte janich alaubt sind! . . . Aber nu mach man, 
Jungchen! . . . un nich wah, du schenkst ma doch . . . wat de ma 
jem wißt, det jibbste ma doch jleich, nich? ... ick habe neulich 
mal eenen jehatt, der war Jottweeß wie lange . . . wollte janich 
wieder wech . . . un denn meent er, nachher, wenn er Münzen hätte, 
denn braucht er doch nich bei mir — “ sie vervollständigte den 
Satz und redete weiter, wie wenn sie nun keine Scheu vor mir 
mehr zeigen brauchte . . . Dabei setzte sie den traurig-lächerlichen 
Hut ab und zog den Rock aus. 
Ich gab ihr Geld und setzte mich auf das Sofa, so sehr mir 
graute . . . Aus traurigen Augen blickt sie unsicher her, murmelte 
mit den lückigen Kiefern und lachte . .. Auf einmal, da sprach sie .. . 
Sie hieß Hedwig G., war 61 Jahr alt und stammte aus Ost 
preußen. Bis zu ihrem dreißigsten Jahr war sie in einem Lübecker 
Puff gewesen. Dann hatte ein Weinreisender sie geheiratet und 
in Hamburg eine Kneipe mit ihr eröffnet, die gut ging . . . „Aber 
mein Oller fing an zu saufen, un soville wie ick ooch uff ’n in- 
jeredt habe, er heerte nich uff . . . in Jejenteil, er macht et immer 
döller . . . un schlug mir, aber nich, wie et Mode is . . . Na, denn 
bin ick wieder in Puff jejang . . . dreschen lassen könnt ick mir 
da ooch . . .“ Hernach, wie ihr Busen schlaff und ihre Hüften welk 
wurden, hatte der letzte Bordellhalter sie auf die Straße gesetzt . . . 
Auch zu arbeiten hatte sie versucht Aber det wa nischt! . . . 
unsaeena hat ja de Kräfte nich mehr . . . jede Nacht hackern se 
uff eenen rum, die ollen Kerls . . . un an Tach ooch noch . . . un 
machen un dun . . . un wat se allens von een ham wolln! — Nee . . . 
un denn, denn ooch der Suff • . . man kann ja janich anders , . . 
sonst schmeißt et eenen ja um ... “ 
Ober das schwammige, zerquetschte 
Gesicht der al'en Hure und über die 
ganze trübselig zerflossene Figur, die 
eine schmutzige Hose und ein 
zerschlissenes Korsett noch auf 
recht hielt, glitt ein Zucken 
und Zittern ... Es war, als 
quelle unter meinem traurig - 
mitleidigen Blick noch einmal 
der unsagbare Ekel, der grau 
sige Widerwille in ihr auf, gegen 
das verfaulende Leben . . . 
Max Bretlhäuser, der das 
Abitur gemacht und einund- 
einhalbes Jahr in der Techni 
schen Hochschule Maschinenbau 
studiert hat, steht vor dem 
Cafe, dessen große, regenbe 
schlagene Fenster in die er 
hellte Nacht des Kurfürsten 
damms hinausscheinen . . . 
Ein Kaffee kostet drei Mark. 
. . . Max hat im Portemon 
naie zwei Fünfpfennigmarken 
und längst keine Uhr, keinen 
Paletot, auch keinen Koffer, 
Sein Vater wohnt in Stuttgart, ist 
seine Mutter, eine wohlhabende Frau, 
hat sich losgesagt von beiden, weil er und „der Alte seit fünfund 
zwanzig Jahren nichts tun, wie die Frau schröpfen und erpressen. 
„Haben Sic ’n bischen Feuer?“ 
Max, garnicht furchtsam sonst, dreht sich erschrocken um. 
Ein großer, schulternbreiter und hüftenschmaler Mensch, so alt 
wie der Ex-Student. (Der relegiert wurde, weil er einem Kom 
militonen die Brieftasche aus dem Paletot stahl.) 
„Sonst kann ich Ihnen ja was jeben ... un ooch jleich ’ne Zigarre!“ 
Er schlägt den modischen, seidegefütterten Palcot voneinander 
und nimmt aus silbernem Etui die Zigarre, die Max raucht. 
„Sie haben keen Kies, brauchen neue Schale, ’ne Bleibe 
un so , . . weeß ick alles! . . . wat haben Sie denn jelernt? — 
überhaupt garnichts mehr 
stellungsloser Schauspieler
        
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