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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Die, Tb turne, auf dem IKfeide 
Von 07Ca.rga.rete u o n Suttner, 
im 
enn zwei dasselbe tun, so ist es noch nicht das» 
selbe . . . Dieser Jüngling stecht eine Nelke ins 
Knopfloch, und sie verliert sich wie ein Sandkorn am 
Meeressfrand, und jener »Elegant« schmückt sich mit 
einer Gardenia, und sie wird zur harmonisch mitklingen» 
den Note im fein abgestimmten Akkord seines Gesamt» 
anzuges, wenn nicht seines ganzen Ichs. 
Es ist nicht nur als Satire aufzufassen, wenn Oscar 
Wilde den Viscount Gering im idealen Gatten mit dem 
Kammerdiener umständlich die Frage erwägen läßt, ob 
er dieses oder jenes Knopflochbukett anlegen solle . . . 
Seinem überfeinen Empfinden nach sollte es sich der 
Stimmung und der Situation anpassen. 
Wilde hat dem eleganten Aristokraten jedenfalls nur 
Worte in den Mund gelegt, die seiner eigenen Über» 
zeugung und Empfindung entsprachen, denn der Dichter 
war ein großer Dandy und zweifellos das Opfer seiner 
»Überkultur«, Er zeigte sich nie ohne eine Gardenia 
im Knopfloch, und er, der ein so überaus tragisches 
Ende nahm, war es, der ihr zu einer Art fataler Be» 
rühmtheit verhalf. 
Der Leser wird nun vielleicht fragen, und ich frage 
es mit ihm: ist es momentan modern, die Blume 
Knopfloch des Fracks oder gar des Cutaway 
zu tragen? Ich weiß es nicht, und ich frage 
auch nicht danach. Ich weiß nur, daß diese 
Mode reizvoll ist, und daß es Männer gibt, 
die sie kleidet. Freilich — sie sind sehr selten. 
* 
Gilt es für uns Frauen als modern, den 
sachlichen Revers einer Schneiderjacke, eines 
Sportpaletots, einer Reitjacke durch die Blume 
im Knopfloch spielerischer zu gestalten? Auch 
das weiß ich nicht, und ich werde mich 
hüten, etwa gar den modisch=geschmack= 
liehen Orakelsprüchen in einem Laden zu 
lauschen, um ihnen die Nippes meines 
Anzuges anzupassen, über die einzig und 
allein der Moment und die Stimmung des 
Wetters sowie die meiner eigenen Person 
entscheiden darf. Wehe der Frau, die 
sich danach richtet, wenn man ihr bei» 
spielsweise in einem Laden sagte: »Ein 
Knopflochbukett zu tragen, ist 
»die« große Mode«. . . . 
Wehe, wenn sie es trüge 
zu einem Kleid, zu dem 
es nicht paßt, oder — 
wenn es ihr überhaupt 
nicht steht. — — 
Jede Blume will in der 
richtigen Schale stehen 
und in der richtigen Um» 
gebung. Wie sähe es wohl 
aus, wenn der stämmige 
Rosenstiel ein Veilchen trüge, 
und wenn die stolze Lilie 
dicht am Erdboden wüchse? 
Nicht viel anders geht 
es mit der Blume auf 
dem Kleid. Es ist eine 
äußerst primitive Den» 
kungsweise zu meinen, 
eine Blume, die an sich 
schön ist, müsse unter 
allen Umständen auch 
die Umgebung ver» 
schönem. Das Gegen» 
teil trifft zu: die Schön» 
heit und Leuchtkraft 
einer Blume kann die 
Nüchternheit der Um 
gebung doppelt hervor» 
heben. — — 
Die Blume im Knopfloch eines Reverses, das Bukett 
auf der Korsage oder als Gürtelabschluß am 
Nachmittags» oder Abendkleid ist also nicht 
eigentlich »die große Mode«. Gott sei Dank! 
Denn im Moment, da diese Parole von Mund 
Munde schwirrt, ist der Freude bester 
Teil an einem Kleiderzierat irgendwelcher Art 
dahin. Die Frau aber, die gepflegte Detail» 
malerei des Anzuges liebt, trägt ein 
Anstedcbukett, und zwar unter Um 
ständen in Kolossalgröße. Nicht auf 
der Jacke — hier bewegt es sich 
immer in bescheidenen Grenzen — 
aber auf den Nachmittags» und 
Abendk'eidern. 
Nie noch waren die glatten, 
schmucklosen Leibchen der 
dunklen Toiletten offen 
kundiger berufen, durch 
diesen sinnvollen Schmuck 
aufgehellt zu werden und 
eine festlichere Klang 
farbe zu erhalten. Eine 
spezielle Blumenart wird 
nicht bevorzugt, Die 
kleinen Blüten werden 
zu ganz dichten Büscheln 
vereint, die ganz großen 
bleiben einzeln, mittel 
große vereinen sich zu
        
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