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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Ein Pfauderstündcßen. 
Tischlein, deck 7 dich! 
Von Renate. 
D eck’ dich mit den allerschönsten Dingen, liebes Tisch 
lein, denn Weihnachten ist da! Und bring’ auch das 
sich streckende Eselein mit — ganz gleich — ob es vier 
oder zwei Beine hat! Wenn cs nur Geld niest! Denn 
das brauchen wir — ach, wie nötig! Wir versprechen, 
daß wir ihm bei jedem Niesen: »Gott segne dich!« Zu 
rufen wollen, ein Wunsch, den man schon von altersher 
für eine niesende Person hegte. Denn im Märchen von 
192t hat unser Esel ja doch nur zwei Beine und muß 
viel, viel Papier niesen! Und wenn in früheren Zeiten 
das Niesen als ein sehr gefährlicher physiologischer Akt 
betrachtet wurde, weil man glaubte, daß es den Tod 
herbeiführen konnte und man es deswegen mit einem 
Segenswunsche empfing, so wollen auch wir jedes Niesen 
unseres Esels mit einem Segenswunsche begrüßen, ohne 
vielleicht so weit gehen zu wollen, wie die Untertanen 
des Königs Honomotapa, dessen jemaliges Niesen dem 
Hof und der Stadt durch besondere Signale bekannt 
gegeben wurde, oder wie Tiberius, der verlangte, daß 
man den_ Hut abnehme, wenn er nieste. Nein, Weih 
nachten ist das Fest der Heimlichkeiten, und es geht 
keinen anderen Menschen, außer uns, etwas an, wie oft 
und wie viel unser Esel niest. Und was den »Knüppel aus 
dem Sack« betrifft, so kann der Knecht Ruprecht den i n 
seinem Sack behalten. 
Ein schön gedeckter Tisch gehört nun einmal zu dem 
Fest der Freude, das Weihnachten für jedes, auch das 
geringste Haus bedeutet. Wir brauchen ja nicht den 
Appetit des Kaisers Vitellius zu entwickeln, der sein Leben 
an einer wohlbesetjten Tafel zubrachte und die Speisen 
auf gewaltsamem Wege wieder herausbrachte, um mit 
dem Essen gleich wieder von vorn anfangen zu können. 
Aber unser Magen will zu Weihnachten doch auch etwas 
recht, recht Gutes haben, weil — nun, weil eben Weih 
nachten ist. Apres moi le deluge! Am nächsten Tagest 
uns ja doch übel und wir haben ja so wie so Leib 
schmerzen! 
Wie es gleißt und gli^ert, unser Tischlein, im Schmuck 
seiner Wäsche und Spieen, seines Kristalls und Porzellans, 
seines Silbers und seiner Blumen. Ein Wohlsein und 
Behagen geht von ihm aus, das sidi allen, die sich ihm 
nähern, mitteilt. Im expressionistischen Stilleben finden 
sich die heterogensten Farben zusammen, um sich in einer 
jubelnden Sinfonie auf den im Kerzenlicht strahlenden 
Tannenbaum zu vereinen. Durch die feinen Löcher des 
Spinngewebes winden sich die dünnen Nadeln wohl 
riechender Tannenzweige und die kleinen, roten Buchs 
baumbeeren spiegeln sich in den blankgeputjten Silber 
kannen und erröten ob ihres eigenen Anblicks noch tiefer.
        
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