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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Haremsfrauen 
» I jer Maharadscha von Kagurthala wünscht Sie zu sprechen«, hotte 
\—'mir das Telefonfräulein auf den Schreibtisch gezettelt. Da lag 
nun die Nachricht und vor mir erstand Gunnar Tolnaes in 
weißen, hohen Reitstiefeln, mit Turban und wehendem Reiher 
busch. Ich warf mich in ein Auto und fuhr ins Bristol, rannte 
in die erste Etage und fragte, vom Boy oberflächlich zurecht- 
gcwiesen, einen vorbeikommenden Börsianer nach den Ge 
mächern des Maharadschas. »Der hin ich selbst«, sagte der 
Börsianer. Es dauerte 
einige Momente, bis ich 
mich soweit gesammelt 
hatte, daß meine orien 
talisch überspannte Phan 
tasie ein klein wenig mit 
den Tatsachen Schritt 
hielt. Das Märchen vom 
Maharadscha war wenig 
stens mir ein für alle 
Mal begraben. v/// 
»Gestatten Sie, daß 
ich Sie meiner Frau vor 
stelle«, sagte der Maha 
radscha im weiteren 
Verlauf des Gesprächs. 
Ich machte midi auf 
allerhand neue Über 
raschungen gefaßt und 
erlebte wirklich wieder 
eine, aber schon wesent 
lich angenehmere. Die 
Maharanin präsentierte 
sich als eine selten 
schöne, dunkelhäutigc 
Frau spanischen Typs, 
vollständig europäisch 
gekleidet. Sie knöpfte 
sich gerade die Hand 
schuhe zu. Und dann 
zeigte sie mir von ihrem 
Schreibtisch eine Photo 
graphie, die sie in ihrer 
heimischen Tracht dar 
stellte, mitPcrlenbehang, 
wie eine Statistin in 
einem indischen Massen 
film und selbst für die 
nicht wiederzuerkennen, 
die ihr nahestehen 
mochten. 
»Ich habe zuerst diese 
I rächt hier getragen«. Die Trau eines Maharadscha in Bertin. 
sagte sie mit ver- pßoio: P. Sennede. 
führerischem Lächeln, OBen: DiesefBe Türstin in ihrer heimischen Tracht. 
»aber sie war mir 
doch zu auffallend, 
darum gehe 
ch jetzt als 
Europäerin«. 
Sie lachte 
ein lautes, 
herzliches 
Männer- 
lachcn, 
zeigte 
ihre blen 
dend wei 
ßen Zähne 
und die bei 
den Diaman 
ten in ihrer 
Nase funkelten. 
Ich wollte mich 
nach dieser neuesten 
aller Arten, mit wert 
vollen Schmuckstücken 
zu glänzen, erkundigen, 
aber eine diskrete Scham 
hielt mich davor zurück. 
Ich malte mir nur das 
Bild aus, wenn diese 
Mode weitere Anhänge 
rinnen finden würde und 
eines Tages die Damen 
der Tauentzienstraße und 
des Kurfiirstendamms mit 
hocherhobenen Nasen 
ihresWeges gingen. Der 
Ring durch die Nase, 
der von den Kannibalen 
einst von der Pariserin 
übernommen wurde, ist 
durch die neue epoche 
machende Erfindung 
glänzend geschlagen. 
Nur soll die Befestigung 
der Steine in den Nasen 
löchern mit nicht uner 
heblichen Schmerzen 
verbunden sein. Ich weiß 
auch nicht, was die 
Damen wohl tun, wenn 
sie einen Schnupfen be 
kommen. Aber darüber 
müssen sie sich selbst 
das schöne Köpfchen 
zerbrechen. t. w. a.
        
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