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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Rückkehr zur Literatur? 
) 
ch bin etwas beunruhigt. 
Zwei Wochen ohne Ope 
rettenpremieren, ohne neue 
Schwänke! Wo soll das hin? 
Ruhen sich die Herren Fa 
brikanten nur aus, um zu 
noch fürchterlichen Schlägen 
zu rüsten? Oder sind auch 
sie von valutakräftigen Aus 
ländern ausgekauft worden? 
jedenfalls: sie haben vier 
zehn Tage die — Mund 
gehalten. Und so dem 
Kritiker die Möglichkeit — 
das heißt: den Platj, das 
Papier — geschenkt, ein 
bißchen gründlicher von 
ernsteren Dingen zu reden. 
Womit über die erste litera 
rische wertvolle Leistung der 
Herren tutti quanti dankend 
quittiert wird! 
»Othello« im Staatsthea 
ter. Puritanertum im Rein 
inkarnat. Die Ausstattung 
von einer so herben Karg 
heit, daß man bereits von 
peinlicher Manier sprechen 
muß. Wenn an Othellos Gemach geklopft wird 
und es ist keine Tür da, so ist das nicht mehr Stil, 
sondern Koketterie mit einem Stile, oder anders 
und weniger respektvoll ausgedrückt: affektierte 
Pose. Dann 
schafft die 
Wände fort 
und die 
Treppen 
unddasbiß- 
chen Bal 
kon und 
schreibt an: 
»Zimmer«, 
wie’s zu des 
braven Sha 
kespeares 
Zeiten 
eben war. 
Das ist viel 
leicht aus 
finanziellen 
Gründen 
ganz emp 
fehlenswert 
— aber ob 
es unseren 
unfrischen 
Seelen jene 
Stützbalken 
gibt, die sie 
brauchen, 
um das 
schwere 
Tritz Kortner afs „ Otße/To" im Staatf. Scßauspiefßau.s. 
Phot.: Natge. 
Mofnars Scßauspief „Der Scßiuan* im Tßeater am Kprfürstendamm. 
Herr Günther Ade[e Sandroch. Jfßa Grüning. Sitta Stauh. Eduard v. Ihinterstem. 
Phot.: Zander <£) Laßisd). 
Gebäude einerShakespeare- 
schen Tragödie tragen zu 
können? 
jedenfalls: eins bleibt auch 
aus dieser unglücklichen 
Aufführung: Kortner. Ein 
fleischgewordenes Elemen 
tarereignis, ein mystisches 
wildes Tier, das sich der 
Sprache unserer schwachen 
Zeit bedient, um Urgefühle 
auszudrücken, die wir kaum 
noch begreifen. Daß es 
jeßner gelang, diesen Ur 
menschen, diesen negerhaft 
leidenschaftlichen für uns 
bühnenfähig zu machen, ihn 
einzufügen in den Rahmen, 
der nun einmal sich um das 
Theater unserer Zeit, wenn 
auch dehnbar, spannte: das 
wird sein Verdienst bleiben 
über alle Treppen und 
stumpfe Winkel hinaus! 
111. 
Im Lustspielhaus Heinrich 
Lautensacks»Hahnenkampf«- 
Hätte man nicht, ohne sich 
was zu vergeben, schon dem 
lebendigen Dichter, vielleicht gar eh’ er in Wahn 
sinn verfiel, einige Ehre antun können? War dieses 
Werk oder die Pfarrhauskomödie vor sechs Jahren 
schlechter als heut? Wie dieser Sohn des bayeri 
schen 
Hochwalds 
seine Lands 
leute ge 
sehen hat 
- ohne jede 
Brille, so 
ganz un- 
ganghofe- 
risch — das 
ist eine 
Pracht. 
Ludwig 
Thoma, in 
seinen be- 
stenZeiten, 
war gezuk- 
kert dage 
gen. Alle 
bäurisch- 
kleinstädti 
sche Ge 
rissenheit 
— Geilheit 
— Gemein 
heit — hier 
hat man sie 
im Brenn 
spiegel, 
von starker
        
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