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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Oer TransenscfiaC ä ta Carm&n 
C armen ist eine Zigeunerin, eine Gitana, 
die uns Bizet durch seine Oper besonders 
nahegebracht hat, aber es ist ganz falsch, 
daß wir sie mit der Spanierin identifiziert haben. 
Die Spanierin ist keineswegs das rassige, tem 
peramentvolle, feurige Weib, das im Winter 
garten durch die Otero verkörpert wurde und 
das unsere Künstlerinnen mit der roten Blume 
hinter dem Ohr auf der Bühne darzustellen 
pflegen. Sie ist gewöhnlich pflegmatisch, 
langsam, fett und liebt ihre Ruhe — aber 
schön ist siel 
Seit einiger Zeit gibt sich nun in der Mode der 
Wunsch zu erkennen, es der Carmen in ihrer 
Kleidung gleichzutun, nämlich einen fransenbe 
schwerten Schal malerisch um den Körper zu 
drapieren. Natürlich ist diese Art Gewan 
dung ein Luxus, den sich nur Frauen mit gut 
gefüllten Kleiderschränken leisten können. Denn 
es ist nicht recht möglich, einen so auffallenden 
Schal als ein sich ständig wiederholendes 
Seidenßesticßter Scßaf mit Transen, der, kunstvoll um den 
Körper drapiert, ein entzüdiendes Tea-gowtr aßgißt. 
Toilettenstück zur Schau 
zu tragen. Es schmeckt 
das ein bißchen zu sehr 
nach Torero! Aber es 
gibt doch außerordent 
lich schöne, kostbare, 
mit großen Blumen 
ranken verseheneTücher, 
die, mit handgeknüpfter 
Seidenfranse verarbeitet, 
sehr aparte Abendkleider 
abgeben. 
Es ist erstaunlich, wie 
schnell und gründlich 
sich die Franse unserer 
Toilette bemächtigt hat. 
Leise, weich und zitternd 
fließt sie am Frauen 
körper herab und erfüllt 
ihre Aufgabe, mit An 
mut der Bewegung und 
in harmonischem Far 
benspiel den Carmen- 
schal herabzuziehen, 
aufs reizvollste. 
^jcßaf aus Seiifenßro ßat 
mit Sifßerfransen üßcr einem 
schwarzen Spitzenroch. 
Photos: IfV./F Werfd. 
Die handgeknüpfte 
Franse ist sehr kost 
spielig, aber auch sehr schön. Man färbt 
sie in alle zu den Tuch-, Kaschmir- oder 
Seidenschals passenden Farbtöne ein und 
erzielt dadurch wundervolle Wirkungen. 
Der Carmenschal bringt die künstlich ver 
längerte Taille, die ein charakteristisches 
Merkmal der diesjährigen Wintermode ist, 
durch die Franse zu vorteilhafter Geltung 
und beruft sich auf sie, wenn er ein ein 
heitliches Ganzes schaffen will. Das ist 
ein liebenswürdiges, lustiges Durcheinander 
schütteln kleiner Seidenflöckchen, ein Nicken 
und Winken feiner Strähnen, ein Aus 
einanderfliehen und Wiederzusammeneilen, 
je nach den Bewegungen der Besitzerin, 
daß der Gesamteindruck des Flüchtigen, 
Märchenhaften, den man beim Anblick der 
modernen, zu Gewändern umgewandelten 
Schals hat, noch verstärkt wird. 
Eigenartige, originelle Farbenzusammen- 
stellungen werden mit seidenen Überkleidern 
erzielt, über die fransengeschmückte Schals 
unregelmäßig herabfallen. Sind sie nicht 
wahre Prachtstücke, diese seidenen oder 
feinen Kaschmirtücher, die als Überwurf über
	        
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