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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Ein paar Worte über das erste Rendezvous 
Von S t e fa n 5 z e R e fy. 
E rschrecken Sie nicht, ich will nicht von Liebe reden. 
Über Liebe ist ja in diesen Spalten so oft schon ge» 
schrieben worden,- viel klügere Leute als ich, die 
gewiß auch viel mehr davon wissen, haben hier zu diesem 
Thema das Wort ergriffen. 
Nein, ich möchte nur über das Rendezvous schreiben. 
Über das erste Rendezvous. Das erste Rendezvous ist 
bekanntermaßen eine sehr schwierige Angelegenheit. Das 
erste richtige Rendezvous mit der ersten richtigen 
Dame am Mittwoch nachmittag Punkt vier unter der 
Normaluhr. 
Man ist zwei Tage lang nervös und erregt. Sagen 
wir von Montag bis Mittwoch. Man ist — möchte ich 
bemerken — gewöhnlich achtzehn Jahre alt. Achtzehn 
und sehr erregt.. Na, und glücklich natürlich. Ganz 
unmenschlich glücklich. In der Nacht von Montag zu 
Dienstag schläft man nicht, sondern stellt sich das 
Rendezvous vor. Man sieht sich im Geiste, wie man 
am Mittwoch nachmittag um halb vier ungeduldig unter 
der Normaluhr auf und ab geht. Punkt vier, das heißt, 
lieber ein paar Minuten nach vier, trifft sie ein. Man 
küßt ihr zart die Hand, sagt ein paar geschickte Schmeiß 
cheleien und bespricht dann mit ihr, wohin man gehen 
solle. Dann begibt man sich in langsamem Schritt mit 
der Dame dorthin, während man äußerst geistreich 
plaudert. Angelangt, wählt man den besten Platz aus, 
bestellt, zeigt tadelloseste Manieren und unterhält die 
Dame ganz ausgezeichnet. Schließlich zahlt man und 
begleitet sie. Nicht ganz bis nach Hause, aber doch 
immerhin ein ganzes Stück. Dort küßt man ihr 
abermals die Hand, sagt noch etwas Hübsches/ 
dann entfernt man sich/ nicht ohne vorher die 
nächste Zusammenkunft verabredet zu haben. 
Wie gesagt, etwas Derartiges stellt man 
sich vor und ist am Dienstag den 
ganzen Tag schläfrig. — Am Mitt 
woch geht man zum Friseur, ißt 
um ein Uhr zu Mittag und 
geht um drei Uhr nach der 
Normaluhr. Um halb vier 
wird einem die Zeit zu lang, / 
und man geht spazieren. 
Fünf Minuten nach drei 
Viertel vier trifft man seinen 
Mathematikprofessor. Der 
Mathematikprofessor er» 
blickt und spricht einen an. 
Gut, daß ich Sie treffe, 
Klemens, sagt der 
Mathematikprofessor. — Ich 
kann nämlich morgen die 
Stunde nicht geben. Ich 
muß zu meinem Schwager 
nach Potsdam. Sagen Sie 
doch den Jungens, sie sollen aus 
dem Buch den pythagoreischen Satz 
durchnehmen und die Probleme der 
Lösung des Dreiedcs, außerdem möchten 
sie den nächsten Absatz durchlesen, von Seite 
fünfundsiebzig bis neunundsiebzig. Sie können 
an die Tafel gehen und die Sache erläutern,- 
auf Sie kann ich mich doch verfassen, Sie sind ein 
vernünftiger Mensch . . . 
. . . Man kann den Mathematikprofessor nicht 
los werden . . . Man kann den Mathematik« 
Professor überhaupt nicht los werden . . . 
Man ist ungeduldig, nervös, wütend und wird bald 
unaufmerksam,- aber man kann den Mathematik» 
piofessor doch nicht los werden. Der Mathematik» 
Professor doziert voller Begeisterung. 
Die eigentümlichste Erscheinung können wir bei 
dem gleidischenkeligen Dreieck konstatieren — sagt 
er, —' Bei dem gleichschenkeligen Dreieck nämlich sind 
die beiden Winkel des . . . 
Der Mathematikprofessor ist unerträglich. Man 
leidet stumm eine Weile, dann nimmt man plötzlich 
den Hut vom Kopfe und sagt: » — Verzeihung, Herr 
Professor« — und rennt fort. 
Inzwischen überlegt man sich die Sadie,- es ist 
nicht gut, sich mit seinem Mathematikprofesssor 
zu verfeinden, am besten wäre es, zurückzukehren/ 
aber nun ist es sowieso schon gleich. Na und dann 
das Rendezvous. 
Man rennt atemlos, keuchend. 
Fünf Minuten nach Viertel fünf ist man an der 
Normaluhr. Kein Mensch zu sehen. Natürlich. 
Wie kann man sich auch so einen Wahnsinn ein» 
bilden, — eine solche Dame — und zwanzig Minuten 
an der Normaluhr warten! 
Entsetzlich. Furchtbar. Gräßlich. Am besten stürzt 
man sich gleich in die Spree. 
Eine halbe Stunde lang wartet man noch, 
und läßt seine Augen forschend über 
den Platz gleiten. Vielleicht erscheint 
doch noch die sehnsüchtig Er» 
wartete. Dann geht man voll 
Erbitterung nach Hause. Und 
wirft sich über das Kanapee ... 
Am nächsten Tage redet 
man keine zwei Silben. 
Drittags bekommt man ein 
»Genügend« in Mathe» 
matik. Nachmittags um 
halb sechs kommt man 
zufällig an der Normal» 
uhr vorbei. Plötzlich 
hört man seinen Namen 
nennen. Man dreht sich 
um und erblickt die Dame, 
die sich freundlich lächelnd 
nähert. 
»Ich habe Sie wohl ein 
wenig warten lassen?« — fragt 
die Dame. — »Ich hatte ja den 
ganzen Nachmittag so schreck 
lich viel zu tun. Um fünf hatten 
wir uns doch verabredet, nicht wahr, 
um fünf Uhr? Freitag nachmittag um 
fünf unter der Normaluhr. Aber natürlich, 
es kann auch sein, um halb fünf. Ich weiß es 
nicht ganz genau . . . Wissen Sie, ich bin zu 
weilen etwas zerstreut . . .
        
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