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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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FLUSSWANDERN 
Von Har.ns Golenius. 
A ls vor einigen Jahren Münchener paltboolfflhrer auf den 
L. süddeutschen Gewässern mit ihren ersten Versuchen, das 
Flußwandern sportlich auszugestalten, begannen und bald, lustig 
paddelnd, Flüsse und Ströme hinabglitten, da sah man 
ihremTun mit skeptischen Mienen zu. Auf den Bahn 
höfen, wo sie im Abteil ihre aus Holzstäben und 
wasserdichter Leinewand zusammengesetzten 
und zu einem Bündel zusammengelegten 
Boote als Handgepäck verstauten, lächelte 
mancher und machte sidi über diese 
seltsamen Gesellen lustig. Er mag 
dabei nicht geahnt haben, daß dieser 
neue Sport, das bald mit Leidenschaft 
und mit einem tiefen Gefühl für die 
Schönheiten der Natur und seiner 
engeren Heimat im besonderen be 
triebene Flußwandern, in verhältnis 
mäßig kurzer Zeit eine stattliche Ge 
meinde finden würde. Der Beweis für 
die Lebensfähigkeit dieses neuen Sports 
und für die sportlich einwandfreie Verwend 
barkeit des im Anfang so gering geachteten 
Faltbootes ist inzwischen längst erbracht worden. 
Wenn die so rege touristische Tätigkeit, die die Falt 
bootfahrer in den lebten beiden Jahren entfaltet haben, 
nicht schon für diesen Beweis gesorgt hätten, so hätte 
ihn die vor kurzem bei Bad Tölz auf der Isar abge 
haltene Erste deutsche Faltboot-Regatta erbracht, die von mehr 
als 30, u. a. auch von Damen geführten Booten beschickt war und 
einen vollen Erfolg zu verzeichnen hatte. Auf dieser Regatta, 
die in Form einer Wettfahrt auf der Isar von Bad Tölz nach 
München stattfand, erwies sich aufs neue — was natürlich den 
Faltbootfahrem längst bekannt war — daß das unscheinbare, in 
wenigen Minuten zusammenlegbare Boot ganz hervorragende 
sportliche Leistungen ermöglicht. Die 50 km lange Strecke von 
Bad Tölz bis München konnte trotz reißender Strömung und aller 
möglichen Hindernisse 
in wenig mehr als drei 
Stunden zurückgelegt 
werden — ohne jeg 
lichen Unfall, das sei be 
sonders hervorgehoben. 
Der Faltbootsport ist 
inOberbayern zu Hause, 
und dasschnitlige, leichte 
und feine Boot, das hin 
sichtlich Form, Festig 
keit und Seetüchtigkeit 
den Vergleich mit dem 
erheblich teuereren ka 
nadischen Kanu keines 
wegs zu scheuen braucht, 
gewinnt immer mehr 
Boden. Ja, es fängt all 
mählich an, das Holz 
kanu, das schwerer und, 
wie schon gesagt, kost 
spieliger ist, zu ver 
drängen, vor allem des 
wegen, weil das Falt 
boot sich für die flachen, 
steinigen Flüsse Ober 
bayerns wesentlich bes- 
Thßgassenfahrt. 
% 
i 
ser eignet. Was man mit ihm leisten kann, hat dieser Tage der 
bekannte Sportsmann Emerich Rath, der frühere vielfache Sieger in 
Gepäckmärschen, bewiesen, der die 361 km lange Strecke von 
Meran bis Venedig in einem Faltboot-Einsitzer in nur 
46 Stunden bewältigte und dabei eine durchschnitt 
liche Stundengeschwindigkeit von 8 km erreichte- 
Das Faltboot ist auf Grund seiner Wesens 
art kein Gerät für den sportlichen Wett 
kampf wie etwa das Boot des Renn 
ruderers, es ist wie das kanadische 
Kanu das gegebene Gerät für das be 
schauliche Flußwandern. Der Wande 
rer will die Natur in Gemächlichkeit 
genießen, will haltmachen, wo es ihm 
gefällt, will seine Kräfte nicht an der 
Vollbringung von Gewaltleistungen 
messen, er will keine Rekordleistungen 
erzielen. Was er aber ganz will, das 
ist, sich erfreuen an der Natur, an dem 
einmal träge, ein andermal reißend dahin- 
(ließenden Strom mit seinem vielfachen 
Leben, seinem bunten Farbenspiel, sich erfreuen 
an den Wassern, auf denen die Sonnenreflexe 
glitzern, an den Strudeln und an den plätschernden 
Wehren. Er will mit der Sonne aufstehen und einen 
Einblick in das erwachende Leben der Natur gewinnen, 
will dem Gesang der Vögel lauschen und, im flotten 
Boot dahingleitend, die köstliche Stille der Landschaft auf Herz 
und Sinn einwirken lassen. Will sich am Fleiß des Bauern er 
götzen, der unweit des Ufers zur Ernte schreitet — denn er selbst 
befindet sich ja auf glücklicher Ferienfahrt — will den Bilde in die 
Tiefe der dunklen Wälder senken, an denen er vorüberzieht, und 
aus der göttlidien Ruhe der gütigen, immer wieder neuen und ab- 
wedrslungsreichen Natur frische Kraft und Arbeitsfreude gewinnen. 
Wie ein moderner, aber gesitteter Zigeuner zieht der Faltboot 
fahrer durch die Lande. Sein Haus, sein Zelt hat er mit sich im 
Boot, wo es, kunstge- 
redit zusammengelegt, 
nur wenig Platz in An- 
sprudi nimmt und be 
quem verstaut werden 
kann. Ein paar Kissen 
und Decken, einige 
warme Kleidungsstücke 
und notwendiger Pro 
viant für die ersten paar 
Tage, eine kleine Koch 
maschine — das ist so 
ziemlidi alles, was er 
mitführen muß, um nun 
einige Wochen ein herr- 
lidies ungebundenes Le 
ben in Gottes freier Welt 
führen zu können. 
Ist das Boot aufge 
baut — dies kann in 
zehn Minuten bewerk 
stelligt werden — und 
zu Wasser gebradit, so 
gleitet derFaltbootfahrer 
mit einigen flotten Pad 
delschlägen in die Strö 
mung und hat nun keine 
Gfüdiauf zur Tafrt! 
Photos: Karf J. Luther, München.
        
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