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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Zwei Jahre .,, 
Von H. R. Hel 1.' 
D ie Ehe der Parteien wird geschieden! Der Beklagte 
ist der schuldige Teil und hat die Kosten des Rechts» 
Streits zu tragen!« , 
Schon langte die Hand des Vorsitzenden nack dem 
nächsten Aktenbündel, um von neuem ein Stück 1 ragi» 
komödie des menschlichen Lebens unter die Lupe zu nehmen. 
Draußen auf dem Gang noch ein paar nichtssagende 
Worte mit den Anwälten, eine knappe Verbeugung, ein 
leises Kopfnicken und sie waren allein. 
Langsam und jeder mit seinen Gedanken besdiartigt, 
wandelten beide durch die langen Korridore des Land» 
gerichts dem Ausgang zu. . , , 
Woran sie jetzt wohl denkt, fuhr cs ihm durah den 
Kopf. Natürlich an den andern, der nun sein Hach» 
feiger werden sollte, es während der zwei Jahre wohl 
längst geworden war. 
Draußen lachte die Sonne, die Menschen machten 
fröhliche Gesichter und freuten sich ihres Lebens. Warum 
auch nicht, sie hatten sicher Grund dazu und er doch wohl 
auch. Frei, jeglicherFesselledig und jung, das Leben noch vor 
sich. Ein Gefühl unendlicher Kraft durchströmte die Glieder. 
Mit heimlichem Bangen hatte er oft während der langen 
Trennung ihrer gedacht. Ob sie wohl noch die alte Macht 
über ihn besaß, ob jedes Gefühl für sie nur scheinbar tot 
war in ihm undbei einem Wiedersehen von neuem ausbrechen 
würde, alle Schranken niederreißend, wie damals? ... ' 
Ein Bild tauchte vor ihm auf. Er sah sie beide vor 
sich, vor zwei Jahren, in dem eleganten Weinlokal, beim 
Abschiedssouper. Die Zigeuner spielten ihre schluchzenden 
Weisen und der Primas fiedelte ihr, auf seinen Wunsch, 
all die Lieder ins Ohr, deren Stimrrten so oft die Sehn» 
Süchte toller Nächte in ihnen geweckt hatten. 
Er mußte damals wohl gerade kein sehr glückliches 
Gesicht gemacht haben, denn der Primas brach brüsk seine 
Melodie ab und beugte sich zu ihm nieder, »Quand 
I'amour meurt« schluchzte es auf, und unfähig, sich zu 
beherrschen, zerbiß er das Sektglas, das er gerade zum 
Munde führte. Die Splitter flogen umher und rote Tropfen 
perlten auf seinen Lippen. 
Er lächelte, während er daran dachte. Der viele Al» 
kohol hatte wohl auch das seine getan, damals, 
»Du bist ja so stumm, Hans«, riß ihn ihre Stimme 
aus den Gedanken. »Erzähl' mir, was du getrieben hast 
inzwischen. Du bringst mich doch ins Hotel, wir können 
dann ja noch einmal zusammen essen, zum definitiv letzten 
Mal,« setzte sie lächelnd hinzu, »und nachmittags will ich 
fahren.« 
Sie betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. »Hast 
du mich gar kein bißchen mehr lieb«, fragte ihre kindliche 
Stimme, die er damals so geliebt hatte und die heute eigent» 
lidi nicht mehr so recht zu ihr paßte. 
»Wir werden von was anderem reden, nicht, kleine 
Uscha«, entgegnete er lächelnd. 
Dann winkte er einem Auto und sie fuhren davon. 
Ein Leierkasten plärrte: »Wer wird denn weinen, . .«
        
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