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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

harmlosen Mitteln. Manche Eß-Bastille wurde gestürmt. 
Die Insassen führte man an die frische Luft, indem man 
ihnen versprach, sie selbst zu Gulasch oder Frikassee 
zu verarbeiten, wenn sie es sich noch einmal einfallen lassen 
sollten, ihren Hunger stillen zu wollen. Die Behörde 
wiederum steift sich 
auf den unbegreif- 
lieh reaktionären 
Standpunkt, daß die 
streikenden Kellner 
die Gäste nicht zu 
Haschee verarbeiten 
dürften, und so ist 
Berlin jetzt voll von 
Miniatur = Revolu- 
tionen in Westen- 
taschenformat. Es 
kann einem harm- 
losen Gast passieren, 
daß er eine falsche 
Ochsenschwanz- 
suppe beim Streik- 
brecher bestellt und 
vom Streikposten ei- 
nen richtigen Ochsen- 
ziemerschlag ser» 
viert bekommt. Ein 
Diner, das an Vieh 
treiberei erinnert, ist 
nicht jedermanns 
Sache, und so harrt 
denn Berlin ungeduldig der Entwirrung des gordischen 
Knotens des Kellnerstreiks, Die Zeiten, wo derartige 
Knoten im Alexanderstil durchgehauen wurden, sind ja 
längst vorbei. 
Große Tafeln, leider ungedeckte oder nur mit Schrift 
zeichen bedeckte, von denen keiner satt wird, künden allen 
an, was los ist. Ich habe bisher nur die Überschrift 
„Bürger" lesen können, wüßte aber nicht, was der Hunger 
mit Klasseneinteilungen zu tun hätte. Richtiger wäre 
die Anrede „Hun 
gernde". Aber auch 
das wäre eine un 
befriedigende Ab 
speisung. Doch hat 
der Kellnerstreik 
auch sehr bittere 
Seiten. Er schlägt 
Berlin schwere 
Wunden. Die 
Fremden reisenab. 
Die Technische 
NothiIfe,die Sicher 
heitspolizei, die 
Entente greifen 
ein, die Wirte 
machen Bankerott, 
die Kellner und ihre 
Familien hungern. Wäre es vielleicht nicht doch das 
beste, wenn Kellner und Wirte sich auf dem goldenen 
Mittelweg des Trinkgeldes wieder vereinigten? 
Auf Gedeih und Verderb sind wir heute doch alle 
miteinander verquickt, und 
wozu 
Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieße — — 
Destillen stürmen, 
wenn man sie auch 
friedlich einnehmen 
kann. Berlin, das 
längst nicht mehr 
der Wasserkopf des 
Reiches ist, son 
dern der Bierbauch 
Deutschlands wurde, 
könnte es wirklich 
einmal vertragen, 
vier Wochen lang 
ohne einen alles 
erschütternden Streik 
zu leben. 
Die Kellner wer 
den es noch dahin 
bringen, daß die 
Wissenschaft ihre 
alte Drohung wahr 
macht und der 
Menschheit das 
Essen überhaupt 
erspart, indem sie 
uns die geheimen 
Lebenssäfte, die im 
Wiener Schnitzel, 
serbischem Reisfleisch und deutschem Beefsteak schlummern, 
in Tablettenform konzentriert. Dann gehen wir in die 
Apotheken, kaufen uns in einer Schachtel zwanzig 
Tabletten Mittag- und Abendessen, bestehend aus Vi 
taminen, Hormonen, Nährsalzen. Was dann, meine 
Herren Kellner? 
Wir sitzen auf dem Verdeck des Omnibusses und 
verschlucken ein Luxusdiner von sechs Gängen in 
Nun, und die Düfte und Räusche 
derBiere und W eine 
wird man uns auch 
noch eines Tages in 
Pastillenform zu 
reichen wissen. 
Also, seid ver 
nünftig! Herr Ober, 
bitte eine echte 
Mock-Turtle-Suppe, 
ein Entre-cöte für 
vierPersonen. Zum 
Schluß Mokka und 
Hennessy (»**)nebst 
der unvermeidli 
chen dunkelbrau 
nen Uppmann!" 
Sir John Tatst aff. 
einer Pille. 
Das Mahf des Lucudus.
        
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