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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Jffu.strie.rt uon Cricfy Qodaf. 
He Parteien sind sich darin einig, daß ein Kellnerstreik 
X \_eine peinlidie Sache ist. Die Partei der Junggesellen 
sieht ihre hagestolze Phalanx gefährdet, denn die unsicheren 
Kantonisten brechen in diesen Tagen aus den Reihen und 
sehen sich unter den Töchtern des Landes nach einer um, 
die auf dem Standesamt den Schwur tut, ihrem Gatten so 
zu kochen, daß jeder Kellnerstreik ihn künftig kalt läßt. 
Die Verheirateten aber sind auch nicht zufrieden. Ihre 
Stammtische sind verödet, alle Vorwände zum Verlassen 
des Familienherdes genommen. Andere Ausreden gelten 
nicht. Die Restaurantfliegen rüsten sich zum Hungertod und 
die Küchenschwaben rascheln mit verheulten Augen, um den 
letztenKrümel auszuspüren, sofern nicht derTapetenkleister 
herhält. Es ist eine schreckliche, kellnerloseZeit, auch für die 
Kellner, die nun Streikposten stehen müssen. Losgegangen 
ist die Sache mit der Abschaffung des Trinkgeldes, das 
niemals abgeschafft werden kann, denn es ist eine psycho 
logische Notwendigkeit. Kein braver Kellner hat sich 
nach Einführung der festen Entlohnung jemals auch nur 
im geringsten beleidigt gefühlt, wenn man ihm trotzdem 
Die UnversöBttficBen. 
ein Trinkgeld gab. Im Gegenteil, die Beleidigung konnte 
gar nicht groß genug sein und unangenehm wurde sie nur 
empfunden, wenn sie überhaupt nicht stattfand. So ist 
also der Kampf aufs neue entbrannt. Am besten wäre 
folgende Lösung: erstens Trinkgeld, zweitens festes Gehalt, 
drittens Trinkgeld, viertens 10 °/ 0 von der Rechnung, 
fünftens Trinkgeld, 
sechstens Tantieme vom 
Umsatz, siebentens 
Trinkgeld. In einem 
guten Restaurant ge 
nügte einer der sieben 
Punkte, um einen Kell 
ner bei guter Laune 
zu erhalten, in einem 
schlechten Lokal nützen 
alle sieben Punkte nichts. 
Berlin aber ist einst 
weilen verzweifelt. 
Ganze Scharen hungri 
ger Wachteln fallen in 
die Lokale ein, die 
offen geblieben sind. 
Angenehm ist es ja 
gerade nicht, an den 
Augen der Streik 
posten vorbei mora 
lische Spießruten zu 
laufen. Aber der 
Hunger tut weh. 
Alle großen Lokale Seine HoBeit der OBer. 
sind geschlossen und 
wer von den Berühmten doch auf hat, dem wird 
das Leben sauer gemacht. An einem Weinlokal in 
der Leipziger Straße las ich mit blutroter Schrift auf 
den Scheiben: „Volksküche, Eberts Weißbierstube". 
Ein Dutzend Streikposten davor. Es wird hart ge 
kämpft, doch nicht immer mit so verhältnismäßig noch
        
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