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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Qeorp Schade. 
„ Heute sind es sieben Jahr, 
Daß wir standen am Altar. 
Bin leider heut an fremdem 
Ort, 
Denn das Geschäft, es ruft 
mich fort." 
Viel Glück! Dein 
treuer Hans. 
H ans hatte wirklich Pech. Ausnahmsweise war er 
gestern abend mit seiner Frau in die Diele ge» 
gangen, und da mußte Margot auch sein. Zu dumm! 
Margot wußte doch nicht, daß er verheiratet war/ sie 
hatte Grundsätze. Und gerade für morgen hatte er sie 
zu einer Spritztour eingeladen, als er aber seiner Gattin 
von der „dringenden Geschäftsreise" sprach, hatte sie ihn 
sanft daran erinnert, daß ja morgen ihr Hochzeitstag sei. 
Pech! . . . Na egal! Mit Geist und Grazie mußten 
auch die Schwierigkeiten behoben werden. Dieses 
Ringelchen und ein paar. Blumen würden Margots em- 
pörte „Grundsätze" schon beschwichtigen. Nun schnell 
ein paar Zeilen dazu geschrieben. „Angebetete Margot"! 
Ich erwarte Dich bestimmt morgen 11 Uhr zu unserer kleinen 
Spritztour am Bahnhof. — Übrigens, die Dame, mit der 
ich gestern die Diele be- 
suchte, war eine alte 
Erbtante. Gefällt Dir 
der Ring? In treuer 
Liebe dein Hans." 
. . Nun für die 
Gattin, die teure, auch 
ein paar Zeilen. Das 
mußten aber V erse 
sein/ sie schwärmte ja 
für Poesie. 
So, das würde sie rühren. Nun schnell in eine 
Blumenhandlung. Hans erstand ein prächtiges Arrange» 
ment von Orchideen für Margot. „Dies Päckchen kommt 
dazu. Und alles um 9 Uhr Kantstraße 4 1 . ... Und 
dann möchte ich , , ." Nein, die Blumen für die Gattin 
durften nicht weniger kostbar sein/ das erforderte die 
Gerechtigkeit. — „Also, ein gleiches Arrangement nach 
Bleibtreustraße 38. Und dazu diesen Brief." „Wird 
pünktlichst besorgt." 
Hans fuhr eilig in seinen Klub, spielte und verlor, 
Pech! — Nun, der nächste Tag würde ihn entschädigen 
für alles. — 
Pünktlich war er auf dem Bahnhof. Da stürzte 
von links Margot auf ihn zu, das reizende 
Gesicht glühend rot vor Zorn, in der Hand ein 
Briefchen. Von rechts 
stürzte die Gattin 
herbei/ noch zorni- 
ger, noch roter, in 
der Hand Brief und 
Ring. — 
Margot „mit den 
Grundsätzen" und die 
„Erbtante", die sich 
bis dahin nicht kann 
ten, lernten sich gründ 
lich kennen. .. 
Und alle Schuld 
trug das Fräulein vom 
Blumengeschäft, das 
die Briefe verwechselt 
hatte. — 
Pech! . . .
        
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