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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Lachend steckte Archibald die 
dreihundert ein und sagte „Nadel 
geld“ ist ganz famos! ! Und er ging 
hin und erstand seine Siegfried-Liese, 
entriß sie dem unwürdigen Lumpen 
dasein und Knochenleben und reiste 
mit ihr nach Wien. — Zwei Stunden 
mußte er mit ihr vor dem Hause Veits 
warten. Er bekam ungeheuren Durst 
und Liese Zittern in den Knien und 
Flimmern vor den Augen. Sse sah 
recht abgehärmt und blaß aus. End 
lich kam sie an die Reihe. Geßlern 
ließ sie ruhig von ihrem Buckel 
rutschen, auch das Bunt 
feuer und das Geschrei 
der „Landsknechte“ aus 
dem Blitzboteninstitut 
störte sie nicht. Eine Art 
„Wurschtigkeit“ in Vor 
ahnung ihrer künftigen 
Bestimmung war über sie 
gekommen, eine Resig 
nation, um die sie man 
cher Delinquent vor der 
Hinrichtung hätte benei 
den können. 400 Kronen 
und die Reisespesen ver 
langte Archibald für sein 
Juwel, zusammen 470 
Kronen. 
„Ich zahle 150“, sagte 
Veit. 
„Komm, Liese, ich 
schaffe dich direkt aufs 
Burgtheater. Dort be 
zahlt man mir 
mit Kußhand 
500“.— Und 
er zerrte Liese 
davon. Aber 
Veit, dem jetzt 
die bleiche 
Angst aus dem 
Gesichte starr 
te, hielt ihn zu 
rück. „Sie sol 
len 470 haben!“ 
und er zahlte. 
Und nun war 
Liese wohlbe 
stalltes Thea 
terpferd und 
wurde an ganz 
Wien verliehen, 
pro Abend um 
30 Kronen. In 
allen Stücken, 
in denen ein 
Pferd zum Sze 
narium gehört, 
zeigte Liese ihr 
Bühnentalent. 
Sie machte sich 
großartig und 
erntete allge 
meines Lob. 
Da kam die 
„Götterdämme 
rung“ auf den 
von 
Versicherung von 
Juwelen, Schmuck- und Pelzsachen 
gegen alle Gefahren 
Inklusive Verlieren, gänzliches oder teil- 
weises Abhandenkommen, Feuer, Diebstahl, 
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innerhalb wie außerhalb der ohnung, auch 
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Qtbtctlung für tünfttcrifcf>e C öuchcint>änbc 
Spielplan. Die Fahrt auf des glän 
zenden RittersBoote imponierteLiese 
ganz gewaltig, ebenso das Licht 
meer, als es anfing zu dämmern. 
Erstaunt sah sich Liese die präch 
tigen Bühnenbilder an, ergriffen hörte 
sie Wagners machtvolle Musik, und 
sie war so stolz, so stolz, daß sie 
das als Götterpferd, als Grane mit 
erleben durfte: Wie ein Traum er 
schien ihr das alles. Sie, die Milch-, 
Brikett- und Lumpenliese stand jetzt 
mitten in dieser Pracht, angestaunt 
tausend Menschen. — Da 
schmetterte eine Stimme: 
„Siegfried! Siegfried! 
Selig gilt dir mein Gruß!“ 
Wer war das? — Wer 
rief sie, die Liese, bei 
ihrem alten, rechtmäßigen 
Wallachnamen? — Und 
sie wieherte vor Freude 
und bäumt sich auf und 
sprang dem Rufe ent 
gegen, von Hagen ver 
geblich gehalten, und 
hops! saß sie mitten im 
Orchester, beide Beine 
stramm in der großen 
Trommel verankert! Und 
die Trense verfing sich 
am Eisengilter der Ram 
penblende und schnürte 
ihr die Luft ab. Sie 
jappte noch ein paarmal, 
und dann war sie dahin. 
Mitten in höch 
ster Kunst halte 
sie ihr Leben 
ausgehaucht.— 
Im Zuschauer 
raum war ein 
tausendstimmi 
ger Schrei bei 
dem kühnen 
Haraßsprung 
des Theater 
pferdes lautge 
worden, aber 
man bewahrte 
wenigstens so 
viel Ruhe, nicht 
von den Plätzen 
zu drängen. 
Der Regis 
seur ließ sofort 
einen Teppich 
über den han 
genden sterb 
lichen Rest 
Siegfried-Lie- 
ses breiten und 
versicherte, daß 
niemand, au 
ßer der großen 
Trommel, ver 
letzt sei. 
So war Liese 
ein Opfer ihrer 
Kunst gewor-
        
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