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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Hibcr kur$ od&r lang 
00 
U ber kurz oder lang« — pflegt der Deutsche 
leichthin zu sagen, wenn er eine 
genaue Zeitangabe nicht machen kann. 
»Über kurz oder lang« — können 
wir auch von unserer Damen 
mode sagen, die lange hin 
und her schwankte, ehe sie 
sich entschloß, den kleid 
samen kurzen Rock aufzu 
geben und zu der langen 
Mode unserer Großmütter 
zurückzukehren. Wie 
alles im Leben einem 
bestimmten Kreislauf 
unterworfen ist, so kann 
man auch im reichen 
Wechsel der Mode 
launen immer wieder 
eine Rückkehr zu frühe 
ren Phasen bemerken. 
Es mag dies vielleicht 
ein wenig paradox klin 
gen, da wir alle wissen, 
wie groß die Sucht ist, 
stets neue Einfälle und 
Kompositionen hervor 
zuzaubern. Und doch, 
wenn wir die neuesten 
Entwürfe der Pariser 
Modehäuser ansehen, 
müssen wir mit Ben 
Akiba sagen: »Es ist 
alles schon einmal da 
gewesen!« 
Schon in diesem 
Sommer sah man viel 
fach das Stilkleid, meist 
aus duftigen, zarten 
Stoffen oder Spitzen, 
das mit seinen breiten, 
markierten Hüften und 
längerem Rock den 
Übergang vom kurzen, 
flotten Kleid zu der 
breiten, langen, rüschen 
besetzten Krinoline un 
serer Urgroßmütter zu bilden scheint. Vielen Be 
sitzerinnen schöner, schlanker Beine wird der 
Abschied von den kurzen Röcken sehr 
schwerfallen. Die hauchdünnen 
Seidenstrümpfe sind nun nicht 
mehr imstande die schöne Linie 
schlanker Beine fast hüllenlos dem 
Auge preiszugeben, aber auch 
viel Unangenehmes wird uns er 
spart bleiben, denn bei manchen 
strammen Frauen der Mark, 
deren Körper auf wahren Säulen 
von Korinth ruhte, dachte man 
unwillkürlich: »Und der Mensch 
begehre nimmer zu schauen, 
was die Götter bedecken mit 
Nacht und Grauen«. 
Aber ganz haben die 
Beine auch den 
Kampf noch nicht 
aufgegeben. 
Wozu ist 
auch die 
Mode mit ihren 
mannigfachen 
Variationen da! 
— Die langen, 
dünnen Seiden 
fransen, die von 
der verlänger 
ten Taille 
der Trägerin 
schmeichelnd 
und weich 
herunterfließen, 
um an dem 
feinen Knöchel 
haltzumachen, bil 
den oft nur einen 
neckischen Vorhang, 
hinter dem sich zwei 
schlanke Beine verstek- 
ken, um bei der leisesten 
Bewegung listig hervor 
zusehen, als wollten sie 
uns erinnern, daß sie noch 
Phot.: 
Sancfau. 
Einst ~
        
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