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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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, Die Straßensängerin'’ im Metropoßtßeater. 
Otto Treptow. Herrmam, Kandier. Trude Hesterberg. 
Pbotos: Natge=Vita. 
hundsschnäuzige Fadesse? »Ingeborg« — 
schade um den schönen Hamen! Wenn 
ich an des selben Autors »Menagerie« denke, 
könnt' ich heulen. Hier war mal der An- 
satj zu einem richtigen Bühnensatyriker, 
mußte er unbedingt so verkümmern? 
Im Staatstheater gabs die allerneueste 
Mode: Raimund, mit Schubertscher Musik. 
Verehrter Meister Jeßner, es war recht hübsch: 
also unerhört. Denn von Ihnen verlangt man 
nichts ganz Hübsches, sondern Großartiges, 
Geniales. Für die Mittelmäßigkeit ist in Berlin 
hinreichend gesorgt — gehn um Himmels 
willen Sie Ihren steilen Weg und versuchenSie 
nicht, gefällig zu sein! Das fehlte grade noch! 
Immerhin: ein Licht schien in der Finsternis, 
ln derTribüne Wilhelm von Scholzens »Wett 
lauf mit dem Schatten«, mehr denn dreißig 
mal gespielt, und doch nur drei Personen auf 
der Szene, und gar keine Knalleffekte, nur 
reinste, feinste, fast handlungslose Seelen 
kunst (Heims und Fischer). Und immer 
kommen noch mehr Berliner, sichs anzu 
sehen. Dämmerts? Victor Gofdscßmidr. 
nicht denkbar. Jetjt spielt sie in einem Drama, 
das an die düstersten Zeiten des Frühnatu 
ralismus gemahnt - »Der Abdecker« heißts 
auf deutsch — die Rolle eines feinen, seelisch 
schwer leidenden Mädchens. Sie ist so 
stark und echt, daß auch Leute, die kein 
Wort ihrer Sprache kennen, wie die Statuen 
sitzen und weinen. Wie lange wirst du 
eine keusche, derbe Idealistin bleiben, Alomis? 
Wann werden dich die Rotters verschlingen 
und als perverse Salondame wieder von sich 
geben? - Es brauchen nicht gerade die 
Rotters zu sein — Eugen Robert kann das 
auch. Hat sich da von Meister Oskar 
Kauffmann ein wundervolles Theaterchen 
an den Kurfürstendamm setzen lassen — ein 
feines Meisterwerkchen subtilsten Künstler 
tums — und könnte gerade noch zu allem, 
was er sonst Attraktives besitzt, eine große 
Künstlerin brauchen. (Eine hat er ja. Die 
muß aber in Wien bleiben - die scheint 
für uns zu schade zu sein.) Ob in dieses 
hübsche Theaterchen gar nichts anderes 
besser hineinpaßte als Goe^ens neueste 
Mizzi Günther, Wiens ßefießteste Soußrette in der Titefrode 
der Operette „Die Straßensängerin”.
	        
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