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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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einer der hübschesten und sicherlich meist verlobten 
jungen Amerikanerinnen der Fall ist? Die anmutige 
Dame, die sich augenblicklich in England auf hält, traut 
sich nicht wieder nach Amerika zurück, weil dort 
elf Bräutigame ungeduldig ihrer harren! Sie ist in der 
allergrößten Verlegenheit, weil sie behauptet, daß sie 
ohne jeden Zweifel bei ihrer Ankunft von allen eiten 
erwartet würde, von denen keiner eine Ahnung von 
dem Vorhandensein des andern hat! Vielleicht zieht 
sich die temperamentvolle Virginia Lee mit dem großen 
Herzen dadurch aus der heiklen Lage, daß sie das 
Duzend der Bräutigame voll macht, das heißt den 
zwölften in England nimmt und gleich dort bleibt. 
Zwischen ihr und den elf anderen liegt ja immerhin 
der Ozean! 
Mit einem Verlobten begnügt sich jedenfalls die 
allerliebste jugendliche Miss Mary Eurana Ward, 
die zu den reizendsten Erscheinungen der Neuyorker 
Gesellschaft gehört. Uns interessiert sie insofern ganz 
besonders, als sie die Nichte des bekannten Mil ti- 
millionärs Charles Schwab ist, der seinen deutschen 
Ursprung nie verleugnete, obwohl sdne ^ Vortanrcn 
ihre Reise in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten 
mit nicht viel mehr als einem Sack voll Ho nungen 
antraten. 
Marys Bräutigam, Charles John .Neeland, gehört 
ebenfalls der Großindustrie an und wird seine jugend 
liche Gattin mit dem Luxus umgeben können, von 
dem die einst aus der Heimat ausgewanderten, an 
geheirateten deutschen Verwandten herrliche Zukunfts 
träume träumten. 
Photos: Witte Woriä. 
Mary Ward, die Nictte Cfarfes Sdwaß. 
Virginia Lee, die effmafige Braut / 
Man sagt Miss Dorothy Orth nach, daß sie die 
kleinste, aber auch zierlichste und hübscheste Erscheinung 
von denen ist, die drüben in diesem Augenblick von 
sich sprechen machen. Klein aber oho! Und wenn 
das ganze Persönchen auch nur 87 Pfund wiegen soll, 
so scheinen sich die Männerherzen, die sie mit ihren 
wundervollen Augen bricht, nicht mehr zählen zu lassen! 
Konkurrenz macht ihr in dieser Beziehung nur noch 
Miss Clara Kimball Young. Wenn sie ihre 
schöne Hand bisher noch keinem anbetenden Ritter fürs 
Leben reichte, so liegt das daran, daß sie noch immer 
nicht ganz sicher ist, wer von den vielen Anbetern ihr die 
meisten Kleider und Hüte kaufen wird. Denn für Luxus 
zeigt sie einen unbezwinglichcn Hang, und selbst für 
»drüben« klingen die Zahlen, die mit ihrer sprichwörtlich 
gewordenen Eleganz in Verbindung gebracht werden, ganz 
phantastisch. 
Wohl in keinem Lande behauptet sich die Gleich 
heit der Geschlechter so wie in Amerika. Die Ameri 
kanerin ist im allgemeinen gebildeter als der Amerikaner. 
Auf diesen Umstand dürfte wohl ihr freies, ungezwungenes, 
kameradschaftliches Benehmen zurückzuführen sein, das 
keinen »Stärkeren«, sondern Gleichgestellten in dem Ver 
treter des männlichen Geschlechts erblickt. Das Ver 
hältnis der beiden Geschlechter zueinander hat sich in 
Amerika ganz sicher zugunsten der Frau verschoben, und 
wenn zu all den inneren Vorzügen noch die äußere 
Macht der Schönheit hinzutritt, begreift man, daß die 
Amerikanerin den Wunsch geäußert hat, aus der Trau 
formel das Wort »Gehorsam« zu streichen!
        
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