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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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/f Is Herr Robert Wollmann 
heiratete,war er fünfzig Jahre,- 
er war der einzige Sohn eines reichen 
Mannes, hatte nie im Leben Sorgen 
gekannt, das Geld mit vollen Hän 
den ausgegeben, die Freuden ge 
nossen, wie sie sidh ihm darboten, 
und die Blumen gepflückt, die ihm 
wert dazu erschienen waren. 
Nun hatte er sich ausgetobt, nun 
verspürte er eine leichte Müdigkeit 
und Sehnsucht nach einem eigenen 
Herd, wo man nur der einen Blume 
sich freuen konnte, und nun nahm 
er ein Weib. 
Sie hieß Helene und war zwanzig 
Jahre alt. 
Robert sagte sich, wenn schon, denn 
schon, alt werden die Frauen sowieso früh genug, 
also lieber eine junge genommen. Er hatte eben noch 
Selbstvertrauen genug, obgleich ersieh ausgetobthatte. 
Die Ehe wurde denn auch ganz glücklich. Im 
Grunde genommen war Robert ja ein verträglicher 
Mensch, wenn man ihn nur richtig zu behandeln 
wußte, und das wußte Frau Helene prächtig. 
Außerdem war sie auch von einer gewissen Lebens- 
Weisheit, sie leitete ihren Mann klug und sicher nach 
ihrem Willen, daß er es nie merkte, nie den Pan- 
toffel spürte, sondern im Gegenteil sich noch stets 
mit seiner Hausherrnwürde brüstete. 
Nur einen unerfüllten Wunsch gab es in dieser 
Ehe, es fehlte ein Kind, ein Erbe. 
Und das war um so unangenehmer, als Robert 
mit seinen nächsten Verwandten stets auf sehr ge 
spanntem Fuße lebte,- mit Entsetzen dachte er 
daran, daß er diesen Leuten einmal sein ganzes 
schönes Vermögen hinterlassen sollte. 
Ein Kind, ein Erbe, das war sein sehnlichsterWunsch! 
Aber! Aber! 
Ein Jahr verging hoffnungslos, ebenso ein zweites, 
und im dritten reiste Frau Helene nach Schlangenbad. 
Aber was hilft das beste Schlangenbad, wenn der 
HerrGemahl dreiundfünfzigjahre ist und sich ausgetobt 
hat, und wenn er seine Frau nie allein reisen ließ. 
Also es war wieder nichts. 
Der Gatte war fast der Verzweiflung nahe, und 
auch die junge Frau hatte oft recht betrübte Tage. 
Eines Vormittags, als sie im Tiergarten allein 
promenierte, wurde sie von einem Herrn gegrüßt. 
Ein wenig erstaunt sah sie auf und erkannte den 
Kapellmeister der Badekapelle aus Sdilangenbad,- sie 
errötete leicht, beherrschte sich jedoch 
sofort und grüßte wieder, freundlich 
zwar, doch mit der nötigen Reserve. 
Aber dieser Gruß dürfte freund 
licher als beabsichtigt ausgefallen sein, 
denn der Musiker, ein fescher Mann, 
mit schwarzen blitzenden Augen und 
keckem, strammem Schnurrbart, trat 
heran und begann ein Gespräch. 
»Darf ich mir gestatten. Gnädigste, 
zu fragen, wie Ihnen die Reise be 
kommen ist?« 
Frau Helene errötete ein wenig, 
denn sie konnte doch unmöglich 
sagen, daß ihr die Reise leider 
nicht nach Wunsch bekommen wäre, 
also antwortete sie mit einigen all 
täglichen Redensarten in der Hoff 
nung, daß er sich bald empfehlen würde. 
Aber er empfahl sich nicht. Mit Eleganz griff 
er immer neue Themen auf, so daß die Unter 
haltung nidit nur keinen Augenblick stockte, son 
dern interessanter und anregender wurde. 
Anfangs war Frau Helene ein wenig zurückhaltend, 
als sie aber ein paarmal in die blitzenden dunklen 
Augen geschaut hatte, schwand ihre Schüchternheit, 
mit liebevoller Teilnahme ging sie auf die Unter 
haltung ein, und als man sich nach einer halben 
Stunde trennte, sagte sie: »Auf Wiedersehen!« 
Schon am anderen Tage trafen sie sich. Wie 
der promenierten sie zusammen, und wieder unter 
hielten sie sich ausgezeichnet, — ebenso am 
dritten, vierten und fünften Tage. 
Die junge Frau war jetzt wie umgewandelt — 
sie hatte das Lachen wieder erlernt. 
Eines Tages sagte sie zu ihrem Mann: »Weißt 
du, lieber Robert, ich möchte wohl meine Ge 
sangsstunden von ehedem wiederaufnehmen!« 
Natürlich pflichtete er ihr bei, denn er war ja 
schon glücklich, sie bei guter Laune zu sehen, — 
er hoffte ja noch immer. 
Also kam ein Gesangslehrer ins Haus, — zu 
fällig war es der Musiker aus Schlangenbad. 
Von dem Tage an ging Frau Helene weniger 
spazieren, dagegen übte und lernte sie fleißig daheim, 
und aus der anfangs geplanten einen Gesangs 
stunde wurden oft zwei und mehr, denn der Lehrer 
nahm es außerordentlich ernst mit seinem Unter 
richt, und sie wurde eine überaus eifrige Schülerin. 
Die Zeit verging. Frau Helene lernte tapfer weiter, 
und der Musikant tat unveränderlich seine Schuldigkeit.
        
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