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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Teesieb Gastfreundschaft zu gewähren und sich Hebens» 
würdig dem Ganzen anzupassen, denn Silber ist ein 
glänzender, gleißender Freund, dem man auf jedem Tee» 
tisch gern begegnet. 
Die Lampe, die 
wesentlich zur Gemüt» 
lichkeit beiträgt und 
heute auf keinem Tee» 
tisch fehlen darf, ist 
die Lampe, die oft 
den Tisch selber bildet, 
da sie durch ihn hin» 
durchgeht, ihn stützt 
und den Fuß ersetzt. 
Ein mildes, durch einen 
seidenen Schirm ge» 
dämpftes Lampenlicht 
bescheint vorteilhaft das 
selbslrasierte Antlitz 
von »ihm« und die 
Leichnerwangen von 
»ihr«. Früher stellte 
man die höchsten An» 
forderungen an das 
prunkende, grelle, glei» 
ßende Licht der Kronleuchter, heute verlangt man von 
der Lampe, daß sie zur Vermittlerin einer traulichen, 
heimlichen Gemütlichkeit werde. 
Wenn man die Lampen einst nur auf ihren praktischen 
Wert hin prüfte, so beginnt man sie heute auf die Be» 
haglichkeit hin, die sie verbreiten sollen, auszusuchen. 
Da kommt vor allem die Vasenlampe in Betracht, die, 
als hübscher Zierat den Teetisch schmückend, sich 
plötzlich in eine köstliche Lichtverbreiterin verwandelt. 
Wer hätte gedacht, daß sich der dickbäuchige, porzellanene 
Behälter, der so harmlos und nichtssagend neben der 
Teekanne stand und ein stummes, aber nicht gleichgültiges 
Zwiegespräch mit der Zuckerdose zu halten 
schien, durch einen leisen, zarten Druck 
der manikürten Hausfrauenhand zum 
herrlichsten Lichtkörper wandeln 
würde! Auch die alten Holz» 
lampen kommen wieder auf 
und sind vorbildlich, was die 
kunstvolle Handarbeit betrifft. 
Besonders reizend wirken auf 
ihnen die Lampenschirme mit 
ausgeschnittenen und aufgekleb» 
ten Silhouetten, buntfarbigen 
Blumenkränzen, anmutig sich win» 
denden Girlanden, die durch das 
hindurchscheinende Licht zu einem 
kurzen Scheindasein erwachen. Wir 
v d 
kungsvoll sind auch die Schirme aus leinwand» 
ähnlichem Papier, die keinen Anspruch auf Eleganz, 
wohl aber auf Originalität erheben. 
Da die Losung auf 
»Farbenwirkungen« 
steht, sollte die Dame 
des Hauses darauf be= 
dacht sein, die in kras» 
sen Tönen lackierten 
oder bunt bemalten 
Servierbretter des Tee» 
tischs in harmonischen 
Einklang mit ihrer 
nächsten Umgebung zu 
bringen. Und zu dieser 
»nächsten Umgebung« 
gehören vor allen Din 
gen Kissen, Decken, 
Teppiche. Es darf nicht 
unterschätzt werden, 
welche geheimnisvolle 
intime Stimmung vom 
Zusammenklang der 
Farben ausgehen kann, 
und wie oft der oder 
jener Teppich, der an der Wand oder auf dem Boden 
gar nicht wirkte, als Tisch» oder Divandecke das Schönste 
ist, was man in dieser Beziehung finden kann. 
Wenn wir uns bemühen, alle diese Dinge, die viel» 
leicht unwichtig erscheinen, es aber nicht sind, auf unsere 
Umgebung und uns selber abzustimmen, werden wir 
bald zu unserer Genugtuung feststellen können, daß die 
freundschaftlichen Zusammenkünfte um den Teetisch <nicht 
die, an denen es sich nur um den ultramodernen' »Ihn« 
und die ultramoderne »Sie« handelt!) etwas von dem lieb» 
liehen Duft wiederbekommen, den sie zur Zeit unserer 
Großmütter hatten. Kein Abfüttern mit Kuchen, kein 
gleichgültiges Zusammensein mehr um den 
lieblos zubereiteten Tee, der in der 
Kanne dampft. Denn daß Tee mit 
und ohne Liebe, wie mit und ohne 
Rum gemacht werden kann, weiß 
jeder, auch die modernste Haus 
frau mit Pagenkopf. Es ist 
''— ein Unterschied, ob man ein» 
fach heißes Wasser auf Tee 
blätter gießt, oder ob man erst 
ein bißchen ziehen, dann wieder 
aufgießen,dann wieder ziehen usw. 
läßt. Selbst Teekochen muß ge 
leint werden, und selbst hier gibt es 
Stümper und Meister —wie überall. 
Mit KTustrationen von Curt Gerry BarBer.
        
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