Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

18 
A r c ß i ß a ld und Liese 
Humoreske von Max Böttcher 
/ 
akob Veit war Inhaber eines Maskenverleihinstitutes. 
Aber die Karnevalszeit ist kurz und die Motten sind 
ein gefräßiges Volk — kurz, die Sache rentierte sich 
schlecht. 
„Was wer’n wir uns plagen mit den Masken? — 
Verleihn wir Masken zum Karneval, suchen wir 
uns ein ander Geschäftchen für 
die übrige Zeit im Jahre.“ 
Und so raffte sich Jakob Veit 
auf und schaffte sich allerhand 
Rummel an, sogenannten Sai 
sonplunder, alles zum Verlei 
hen. Im Sommer verpumpte 
er Tennisschläger, Fußbälle, 
Gartenmöbel, Strandkörbe, Rei 
sekoffer, echte Panamahüte 
männlichen und weiblichen Ge 
schlechts, Rucksäcke und Eis 
pickel und Steigeisen zum Re 
nommieren, im Frühjahre frische 
Legehühner, große Porzellan 
osterhasen, für die Feiertage im Garten aufzustellen, 
große Zuckertüten, natürlich leer, für die ABC-Schützen, 
Renommierhunde für Korpsstudenten, im Herbste Riesen 
drachen für erwachsene Kinder, Segelboote, Jagdgewehre 
für Sonntagsjäger, rote Fracks für Parforcejagden, und 
im Winter Schachbretter und Figuren, Brillanten zu Haus 
bällen, zu 25 Prozent echt, Palmenarrangements für Ver 
lobungsecken, sprechende Papageien, Nachtigallen mit 
Schmelz in der Stimme für Wintergärten und italienische 
Nächte, und zu Weihnachten machte er sogar den Rup 
recht oder St. Nikolaus für 5 Kronen 75 Heller und die 
LL&ona 
Jöerl 
HAUT CREME 
Überall erhältlich 
Auslagen. — Das Geschäft ging 
Intimster 
Aufenthalt 
des Westens 
OtUBERGSTR.3VJ&M OCR IMAHN MÜHMBCRRERPLAT7 
famos. Veits Rummel 
lager ward 
dimensiös, 
und sein 
Ruf als Al- 
lesverlei- 
her war 
beinahe 
internatio 
nal. 
Abersein 
geschäftli 
cher Ehr- 
DIREKTION;'. PAUL MIMISCHER 
geiz war 
nicht ge 
stillt. Er 
sann und 
sann, was 
er noch verleihen könne, etwas ganz besonderes Inter 
essantes und Originelles, aber er fand nichts mehr, sein 
Institut war komplett. — Da las er eines Tages folgende 
Anonnce in der Zeitung: Vornehme Bü hne sucht für 
einige Abende für Teilaufführung ein Theaterpferd. 
Bedingung: Reitgewohnt, absolut lärmsicher und bühnen 
fromm. Das fuhr dem Jakob in die Knochen. Ein 
Theaterpferd mußte er sich anschaffen, das würde sich 
rentieren. Die Stadt hatte ein Dutzend Bühnen, und so 
ein Gaul war jedenfalls gegen ein Spottgeld zu kaufen, 
denn lärmsicher und bühnenfromm, na, das konnte kein 
Vollblütler sein, sondern mußte unter den pflastermüden 
Genossen gesucht werden, die sicher für den „Lederwert“ 
zu haben waren. 
Und er machte sich auf, solch edles Roß zu suchen, 
300 Kronen wollte er dransetzen. Von Fiakerstall zu 
Fiakerstall eilte er, ließ sich lebensmüde Greise aus 
equestrischem Geschlechte vorführen, aber er fand nicht 
das Erwartete. Alle, alle waren noch zu munter, sie 
ließen das Abgeklärte des gereiften Alters vermissen. 
Die einen der Rößlein konnten 
nicht vertragen, wenn vor ihren 
Ohren mit Pistolen geknallt 
wurde, die anderen bekamen 
Anfälle geradezu tückischen 
Trotzes, wenn man vor ihren 
Augen bengalisches Feuer ab 
brannte, wie das doch z. B. in 
der Götterdämmerung bei der 
Schlußdämmerei unerläßlich ist, 
wieder andere fürchteten sich 
und bäumten sich vor Lanzen, 
Schwertern und Pappschildern 
mit Silberglanz. — Es war 
trostlos. 
Natürlich sprach sich bald in ganz Wien herum, daß 
Jakob Veit in der Billrother Gasse einen blinden, tauben, 
stummen Gaul, der sich nur noch mit Mühe aufrecht 
erhalten könne, für den Lederwert zu kaufen gedenke. 
Die Folge davon war, daß alltäglich eine wahre 
Völkerwanderung animalischer Halbleichen, Rößlein 
mit nur noch flackernden Lebenslichtlein, vor Jakobs 
Haus zog. Die Polizeimannschaft mußte zehnfach auf- 
geboten werden, um auf Ordnung zu halten, zwei 
Schinderwagen und die Feuerwehr standen in dem Hofe 
bereit, um denjenigen Tieren, denen es bei der Vor 
führung und Prüfung auf ihre Bühnenreife schlecht wurde 
vielleicht in 
folge von a /77X ÄSSfebw A 
zu langen 
Stehens 
und War 
tens, auf die 
Beine be 
züglich ins 
Grab, alias 
Fleischver 
wertungs 
anstalt, zu 
helfen. — 
Veit suchte 
und suchte 
vierTagelang nach einem bühnenfähigen Theaterpferd. Er 
hatte in seinem Hofe gewissermaßen eine Versuchsbühne 
eingerichtet. Ein Straßenfeger, der eidlich versicherte, 
nicht reiten zu können, mußte den Landvogt Geßler 
markieren, jedes Pferd erklettern und dann auf der linken 
Seite wie ein nasser Sack herunterklitschen und seufzend 
ausrufen: „Das war Teils Geschoß!“ Gleichzeitig wurde 
in einer Ecke ein Haufen Sägespäne entzündet, Bunt 
feuer daraufgeworfen und ein halbes Dutzend Messenger 
boys mußten mit aus Veits Maskenabteilung entliehenen 
langen Lanzen dem Bühnenkandidaten vor den Augen 
herumtanzen und dazu tüchtig schreien. Aber keiner 
der Prüflinge faßte dies als Spiel, als Theater auf. 
Die einen scheuten, die andern wieherten und gingen 
hoch, die dritten endlich brachen zusammen, sei es nun 
unter der Last Pseudo-Geßlers, sei es unter dem Drucke 
Perlen 
JJuwelert 
Sehr grosses Sllherlager 
Margraf* co. r, 
Kanonierstrasse 9 
TaaenUiensttosse tSa.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.