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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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die gleichen Blüten waren es, die er ihr schickte. 
Ein paar ausgesucht schöne, blaßlila Orchideen, 
lose von einer geschmackvollen Seidenschleife 
gehalten. 
Und wenn dann seine Angebetete an die 
R ampe trat und sich vor dem Beifall klatschen 
den, jubelnden Publikum verneigte, reichte man 
ihr nicht nur Frizens Orchideen, sondern Körbe 
und Sträuße, einen gan 
zen Wald von Blumen 
hinauf. Ihr aber war es 
zur lieben Gewohnheit 
geworden, just immer 
die Orchideen an die 
Brust zu stecken, die so 
gut mit dem matten 
Elfenbeinton ihrer Haut 
harmonierten. Nie dachte 
sie überhaupt nur eine 
Sekunde darüber nach, wer wohl der Spender 
dieser duftenden Gaben sei, war sie es doch 
gewöhnt, geliebt und verehrt zu werden, ln 
diesen Minuten war unser Fri^ glücklich, 
restlos, wunschlos glücklich. 
Eines Abends saßen wieder der Baron und 
seine schlanke Begleiterin in der hübsch ausge 
statteten Nische des kleinen Weinlokals. Die 
Diva feierte Geburtstag. Der Baron überließ 
die Zusammenstellung des Geburtstagsmahles 
dem Frife, der dann auch die erstklassigen 
Leckerbissen auf die Tafel brachte. Als gegen 
Schluß des Mahles die »Veuve Cliquot« in den 
schlanken Kelchen moussierte, entfernte sich der 
Baron für einen Augenblick aus der Nische. 
Ein Klingelzeichen berief unseren Fri^. 
Ria, die Filmdiva, benu^te die Ab 
wesenheit ihres Begleiters, um sich 
wieder frisch und schön zu 
machen. Fritj bekam einen 
Spiegel in die Hand ge 
drückt, ein paar geschickte 
Bürstenstriche brachten 
das goldglänzende 
Haar in Ordnung, 
eine leise Puderschicht dämpfte die zu rosig 
angehauchten Wangen. 
Und dann zog Ria einen kleinen, tiefrot leuch 
tenden Stift hervor, um ihren Lippen eine frische 
Färbung zu verleihen. Beinahe verschmachtend 
hing Fritj an dem roten Stift, der ihm zum Symbol 
geworden war für die lockenden Lippen seiner Ge 
liebten, für sie selbst. Der Baron erschien wieder, 
und mit gnädiger Geste 
wurde Fritj entlassen. 
Krank und gebrochen 
vor Liebesweh räumte 
er eine Stunde später 
die Tafel ab. Da fand 
er, kaum glaubte er 
seinen Augen trauen 
zu dürfen, den Stift, 
jenen roten Stift, der in 
seiner Einbildungskraft 
den Lippen seiner hoffnungslos Geliebten glich. 
Selig küßte er den roten Stift und meinte dabei, 
die blonde Ria zu küssen. Dann steckte er ihn 
in die Tasche. Daß der Stift in goldener, brillant- 
besetzter Hülle steckte, sah er kaum. — — 
Die Geschworenen lachten, als Fri£ ungeschickt 
stammelnd die Geschichte vom Lippenstift erzählte. 
Höhnisch sprachen sie ihr »Schuldig«. Ein Dieb 
sollte Fritj sein, ein gemeiner Dieb, dem es an 
Gold und Brillanten lag. Er kam ins Gefängnis. 
Das schwarze Gretelein weinte sich die Augen 
rot und war acht Tage später die glückliche 
Braut von Frizens Nachfolger. 
Die blonde Kinodiva merkte nicht einmal, 
daß bei der nächsten Filmpremiere die matten 
Orchideen fehlten, die sie sonst an 
die Brust gesteckt. Gleichmütig 
griff sie in den Korb, den wie 
immer so auch diesmal Baron 
Hans gesandt, nahm ein paar 
leuchtend rote Rosen in die 
Hand und neigte sich mit 
denen vor der jubeln 
den Menge. 
Armer Fritz! 
Carmen.
        
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