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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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K eine moralische Abhandlung darüber, ob 
eine wirkliche Dame ihn benutjen darf, 
den kleinen tiefroten Stift, der, um rein objek 
tiv bei der Wahrheit zu bleiben, ein blasses 
Gesichtchen so apart beleben kann, sondern nur 
eine kleine Geschichte will ich erzählen, in der 
ein Lippenstift und eine blonde Filmschauspielerin 
wichtige Rollen spielen. 
Fritz war Oberkellner in einem eleganten 
Weinlokal, das in einer stillen, vornehmen 
Seitenstraße des allzulaut gewordenen Kurfürsten 
damms lag: So ein richtiger Oberkellner aus 
Vorkriegstagen, wie man ihn heute nur noch 
der Sage nach kennt. Er trug den tadellosen 
Frack mit der Würde eines Attaches, faltenlos 
saß der schwarze Einsatzstiefel. Mit dem kleinen 
Franzosen unterhielt er sich fließend pariserisch, 
während er mit dem langen, semmelblonden 
Engländer ebenso korrekt in dessen Heimatlauten 
sprach wie mit dem glutäugigen Italiener. Und 
ein Menu verstand der Frit} zusammenzustellen 
wie kaum ein Zweiter. 
Kein Wunder also, daß er der Liebling aller 
im Lokal verkehrenden Gäste wurde, daß 
ihn mancher freundliche Blick von den 
eleganten und schönen Frauen traf, die 
er sicher und gewandt, dabei aber be 
scheiden und eifrig bediente. 
Und Gretelein, das schwarzlockige 
Töchterchen seines Chefs, warf ihm wahre 
Glutblicke zu. Sie schwärmte dem Fritj 
vor, wie schön es für ihn wäre, wenn 
er so ein hübsches kleines Lokal sein 
eigen nennen könnte und eine rosige. 
appetitliche Frau Wirtin dazu hätte. Dabei 
verfehlte sie nicht, am Schluß regelmäßig darauf 
hinzuweisen, daß sie ihm das alles bieten könne. 
Aber nichts schlug bei Fri£ an, weder Greteleins 
heißes Werben, noch die Liebenswürdigkeit der 
weiblichen Gäste, denn Fritz war verliebt, 
rettungs-, hoffnungslos verliebt. So verliebt, wie 
man eigentlich auch nur in jenen Vorkriegs 
tagen sein konnte, denen im Gegensatz zu heute 
noch ein Schuß von Romantik und Sentimen 
talität anhaftete. 
Fri§ liebte die blonde Kinodiva, die zu des 
Hauses Stammgästen gehörte. Beinahe all 
abendlich kam sie mit ihrem Begleiter, dem 
feschen Baron Hans, in das kleine Weinlokal, 
um dort zu Abend zu speisen. Dann begann 
für Fritz die glücklichste Stunde des Tages. 
Er durfte ihr den Mantel abnehmen, den Stuhl 
bequem zurechtrücken und durfte servieren. 
Besser als diese Filmdiva ist wohl nie in seinem 
Leben ein Gast von ihm bedient worden. 
Wenn in dem großen, lichterglänzenden Kino 
am Kurfürstendamm dann eine Premiere seiner 
Angebeteten stattfand, nahm Frit) regel 
mäßig Urlaub. Was verschlug es ihm, 
wenn mal einen Abend die Trinkgelder 
ausblieben, er verdiente Geld genug! 
Jedes einzelne Mal, wenn er, in seine 
kleine Loge zuröckgelehnt, im Kino saß 
und mit heißen Blicken das Leinwand 
bild »seiner« Filmschauspielerin ver 
schlang, war er vorher in der großen 
Blumenhandlung geradüber gewesen und 
hatte Blumen für Ria bestellt. Immer
	        
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