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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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nicht mehr modern. Heute genügt die miekrige 
kleine Berlinerin, die knapp 1,60 m S r0 ^ * st un< ^ 
die Kellerpflanzenfarbe aus der Schönfließer Straße 
auch unter dem kost». 
barsten Pinaudpuder 
nicht ganz verbergen 
kann, vollkommen. 
Was groß und statt» 
lieh ist, geht zum 
Film. Der Anreiz 
weiblicher Schönheit 
ist bei unserer Waren» 
knappheit überflüssig 
geworden. Damit hat 
sich natürlich auch 
das Verhältnis des 
Mannequins zu 
seinen Mitarbeitern 
stark verschoben. 
Früher verstand es 
sich von selbst,' daß 
der Gelbstern zu den 
übrigen Angestellten 
des Hauses in irgendeinem innigen Verhältnis stand. 
War der Chef unvermählt, so nannte sich der 
schöne Gelbstern Direktrice. Der Reisende flüsterte 
dem Gelbstem in irgendeiner verschwiegenen Ecke 
des Hauses seine neuesten Witze zu, und der 
Konfektionär hatte das zwar unverbriefte aber un» 
verbrüchliche Recht, sie beim Anprobieren in die 
weichsten Stellen zu kneifen. Und wenn sie Glück 
hatte und ihres Gardeleutnants oder Rechtsanwalts 
satt war, dann heiratete sie irgendeinen Kollegen 
und machte mit ihm eine neue Firma auf. 
Schöne Zeiten, wo seid ihr? Wer heute in 
deutscher Valuta 
zahlt, ist bei dem 
Mannequin, wenn er 
nicht gerade Riesen» 
Schieber ist, von vorn» 
herein unten durch. 
Ihr höchstes Ideal ist 
der Amerikaner, dann 
kommt der Holländer, 
der Schweizer usw,, 
nach Maßgabe der 
Valutastärke. Eine 
Liebe zur Sache, ein 
Treuegefühl zum 
Hause; das gibt es 
nicht mehr. 
Mannequin sein ist 
heute kein Beruf mehr, 
sondern ein Sprung» 
brett, auf dem man am 
sichersten in das Land der Perlenketten und Chinchilla» 
pelze, der eigenen Autos und der eigenen Villa springt. 
Und wenn wir, die wir die andern Zeiten 
kannten, heut so einen auf Paris zugestutzten Ber» 
liner Mannequin am Arm eines möglichst vier» 
eckigen Yankees sehen, dann summt uns Emil 
Thomassens alter Coupletrefrain durch den Kopf: 
Das war noch Sittsamkeit, Bescheidenheit, 
das war die gute noch, die alte Zeit! V. G.
        
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