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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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7 ILM UND ROMAN 
Anmerkungen zu „Hannerf und ihre Li eh ha 6er" (Ufa=Tihn) 
enen verträumten Idealismus, der das Stigma des 
deutschen Dichters zu Eichendorffs Zeiten war, 
kann man unseren zeitge 
nössischen Schriftstellern wirk 
lich nicht mehr vorwerfen, — 
wenigstens nicht, soweit sichs um 
den durchschnittlichen Roman 
verfasser handelt. — Wenn dem 
eine Idee vom Himmel fällt — 
was ihm so alle halbe Jahre ein 
mal passiert — dann stürzt er 
sich nicht, wie das früher so 
Sitte war, mit Begeisterung auf 
sie, sondern er umschreitet sie 
prüfend, nur den einen Gedan 
ken im Hirn wälzend: Kann man 
das filmen? So entsteht jene 
deshalb der kräftigeren, dramatischen entbehren zu 
müssen. In Bartschs Erzählung von dem kleinen Pro 
vinzmädchen, das, zur Liebe ein 
mal geboren, dem Neuen, Aben 
teuerlichen, in welcher Gestalt 
es ihr auch entgegentritt, nicht 
widerstehen kann und damit sein 
Leben zugrunde richtet, ist so 
viel erregende und vorwärlsstür- 
mende Handlung, daß es tat 
sächlich schade gewesen wäre, 
wenn dieses gleichzeitig so dich 
terische und doch so volkstümlich 
spannende Werk dem Film ent 
zogen geblieben wäre. 
Natürlich ist es hier wie 
überall: Nur der Ton kann die 
Grete Freund und Felix Basch dieTräger der Hauptrollen 
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Grete Freund in Szet.enbildern des Film (Frankfurter Film Comp.) 
Großmanuskript-Industrie, die den Roman ebenso im 
Niveau drückt wie den Film. 
Umso interessanter wirken die Verfilmungen von 
Romanen, die nicht ad usum des Kurbelmannes ge 
schrieben sind. Als Rudolf Hans Bartsch seinen Roman 
„Hannerl und ihre Liebhaber“ dichtete, hat er wohl 
nicht im Traume daran gedacht, daß seine Gestalten 
einmal über die Leinewand schweben könnten. Mit 
feiner, ich möchte sagen buchmäßiger Psychologie ist 
hier alles gearbeitet; fern von jeder groben Effekt 
hascherei auf pastellhaft wirkende Nüancen gestellt. 
Wenn trotzdem Julius Urgiß und Max Jungk 
den Roman mit Recht als zur Verfilmung geeignet 
empfanden, so liegt das daran, daß ein Roman ganz 
gut auf feinere Wirkungen angelegt sein kann, ohne 
Musik machen. Wenn im Film die feineren Wirkungen 
des Werkes, die wir aus der Dichtung kennen und 
lieben, nicht nur nicht verloren gegangen sind, sondern 
sich sogar nach der psychologisch-dramatischen Seite 
hin gleichzeitig verstärkt und verfeinert haben, so 
liegt das neben den prachtvollen Leistungen der Regie 
an den schauspielerischen Fähigkeiten der Hauptdar 
steller Grete Freund und Felix Basch. Sie 
haben es verstanden, die richtige Mitte zu halten 
zwischen filmmäßiger Dramatik und dichterisch - schau 
spielerischer, psychologischer Einfühlungskunst. So ist 
ein Film entstanden, der seinem geistigen Vater nicht 
nur keine Schande macht, sondern das Problem der 
Verfilmung des Romans um ein gutes Stück nach der 
wertvollen Richtung hin gefördert hat. y, c.
        
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