Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

9 
„Die Jungfern vom Bischofsberg“ in den Kammerspielen. 
Güllstorf. Edlhofcr. 
wenn sich’s nicht um Haupt mann handelt. Daß ein vielgeliebter, 
wundervoller deutscher Dichter au seiner Sehnsucht nach dem 
Vaterlande in Java verstarb, ist gewiß rührend und ein Melodrama 
für sich, aber kein Grund, seine »Spielereien einer Kaiserin«, die 
wir vor zehn Jahren schon schaudernd ablehnten, noch einmal 
hervorzuholen und Schauspieler wie Tilla Durieux und Albert 
Steinrück damit zu belästigen. Wenn man 
was für die Hinterbliebenen des Dichters tun 
will, so kaufe man die »Acht Gesichte am 
Biwasee« — und allen Teilen ist geholfen. 
Es scheint mir überhaupt nicht ganz reinlich, 
den Dichter allzu deutlich vor sein Werk zu 
rücken. Das menschliche Interesse, das man 
dem kranken Dichter Ernst Toller angedeihen 
läßt, darf über die Tatsache nicht hinwegtäu 
schen, daß, wie fast jedes zweite Werk unter 
dem ersten, die »Masse Mensch« unter der 
»Wandlung« steht. Immerhin sei die Volks 
bühne bedankt, daß es ihr gelang, das Manu 
skript Tollers zu ei werben und mit Mary 
Dietrich zur Darstellung zu bringen. Zugegeben 
sei ferner, daß die schlichte und starke Kunst 
des Regisseurs Jürgen Fehling eine starke 
Wirkung erzielt hat. Aber die aufreißenden 
Wirkungen der Wandlutig, vor altem Einzel 
heiten, wie der unvergeßbare Skelettanz, 
fehlten. Oder lag es vielleicht daran, daß 
die gottverdammte Trägheit unsres Herzens 
schon wieder jenen unwürdigen Grad erreichte, 
den man Distanz zu den Ereignissen nennt ? 
Ha, es wimmelt ja in Berlin nicht gerade 
von Leuten, die mit Leidenschaft über diese 
Probleme nachdenken. Aber Legion, und mit 
Recht, ist derer, die, wie seit zwanzig Jahren, 
auch diesmal wieder Frau Massary im Berliner 
Theater zujauchzen, ln ihr scheint sich eine 
Sarah Bernhardt der Operette zu entwickeln. 
Na also: Je reifer sie wird, desto köstlicher ist sie. 
Nicht einmal ihre Stimme scheint dem Gesetze alles Leben 
den unterworfen zu sein. Wenn sic aber diesmal nicht 
allen Jubel und Ruhm für sich allein hat, so liegt das an 
ihrem Partner Ralf Arthur Roberts, dessen geradezu 
irrsinnige Komik Stürme hervorzaubert, wie sie Berlin seit 
Emil Thomas nicht mehr erlebt hat. 
Hier kann auch das Metropoltheater mit Leo Fulls 
»Straßensängerin« nicht mit, obgleich Mizzi Günther und 
Guido Tilscher, Trude Hesterberg und Otto Treptow zu 
netter Musik ihr Bestes lüeten. Ganz zu schweigen von 
dem neuen Koda Koda im Theater am Zoo — das war 
Lustspiel mit dem Motto; Scherz beiseite! Erst nach Ver 
zehrung eines halben Schwankbuches vom selben Autor 
konnte man ihm das verzeihen. 
Willst du noch mehr liören, würdiger Leser und selbst 
verständlich schöne Leserin? Von »Kiki« im Kleinen Schau 
spielhaus mit einer fabelhaften Käthe Dorsch, oder von der 
fröhlichen Urständ, die Paul Linkes »Frau Luna« im Apollotheater 
gefeiert hat? (O goldene Jugend, als wir noch sangen; Schlösser, 
die im Monde liegen . . . Heut wissen wir, daß uns schon die auf 
Erden zu teuer sind!) Oder von Eduard Liechtenstein in »Schäm’ 
dich, Lotte«, im 1 haliatheater? Nun, sei gnädig, teures Publikum, 
und verschieb das auf das nächste Mal. Victor GoldschmM. 
„Kiki" im kleinen Schauspielhaus. 
Viktor Schwanecke. Käthe Dorsch. 
Photos: Zander & Labisch.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.