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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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D er Eine (ein guterhaltener Vierziger, geht, eine Zigarre 
im Munde, mit ein wenig gelangweiltem Gesichtsausdruck, 
spazieren. Plötzlich erhellt sich seine Miene. Er erblickt den 
Anderen). 
C Der Eine: Was bist du denn eigentlich geworden? 
Der Andere: Ich war doch auf der Technischen Hochschule . . . 
Der Eine: Ach ja, natürlich. Da waren wir doch zusammen . . . 
ich blieb nur zwei Jahre/ dann hatte ich genug davon und ging auf 
Der Andere <im gleichen Alter stehend, jedoch viel älter aus» 
sehend, gemessen, ruhig, fast müde. Auch er erblickt den Einen. 
Er scheint ein wenig zu zögern. Vielleicht erkennt er ihn 
nicht gleich), 
Der Eine (nähert sich dem Anderen). 
Der Andere (bleibt stehen). 
Der Eine: Oh . . . pardon ... ich glaube, ich irre nicht , . . 
Der Andere: Ah . . . jawohl . . . ja, ich glaube auch . . . 
Der Eine: Wenn ich nicht irre . . . wir kennen uns doch . . . 
Der Andere: Ja . . . natürlich . . . warten Sie nur . .. 
Der Eine: Aus der Schule ... ln der Obersekunda, bei Professor .., 
Der Andere: Aha . . . 
Der Eine: Und auf der Hoch» 
schule . . . 
Der Andere; Gewiß, natürlich ... 
Der Eine: Servus, alter Freund! 
(Schütteln sich stürmisch die Hände.) 
Du hättest mich nicht erkannt, was? 
Ich erkannte dich natürlich gleich. 
Weißt du, wie du deine Arme 
bewegst, hähähä . . . damals hast 
du auch schon immer mit dem 
Unken so geschlenkert. .. 
Der Andere; Gewiß, gewiß . . . 
Ein interessanter Zufall! 
Der Eine: Wie man sich doch 
so treffen kann! . . . (Mustern ein» 
ander verstohlen.) 
Der Andere: Ich hätte dich 
wirklich nicht erkannt. 
Der Eine: Dabei sagt man, 
ich hätte mich nicht besonders 
verändert. 
Der Andere: Gewiß, gewiß, du 
hast dich ja auch nicht besonders 
verändert, nur, weißt du, mein 
Gedächtnis ... Du siehst viel 
jünger aus . . . 
Der Eine: Tja, siehst du, das 
macht die Lebensweise. Ich sitze 
nicht viel auf einem Fleck, sondern 
mache mir Bewegung, reise viel, 
treibe Sport . . . 
Der Andere: Gewiß, gewiß ... 
na, und ich . . . 
Der Eine: Du bist so eine Art 
Bureaubewohner geworden, nicht 
wahr? 
Der Andere: Na ja, so un 
gefähr . . . 
das Gut meines Vaters . . . 
Der Andere: Ja, ja . . . wie sonderbar ... Wie lange haben wir 
uns nicht mehr gesehen? Fast zwanzig Jahre, nicht wahr? 
Der Eine; So ist's. Ich glaube . . . das heißt, nein . . . Nun 
weiß ich es selbst nicht mehr . . . Warst du nicht vorigen Sommer 
in Swinemünde? 
Der Andere: In Swinemünde? . . . Ach . . . ja . . . doch . . . 
Der Eine: Dann habe ich mich also nicht getäuscht ... ich 
habe nur einen oder zwei Tage dort verbracht, und ich 
glaubte dich am Strande gesehen zu haben . . . Freilich, — 
ganz sicher war ich nicht . . . 
Der Andere: Oh . . . ja . . . 
Der Eine: Na also ... Ich 
bin nun so eine Art Tagedieb 
geworden, der seine Erbschaft 
verzehrt . . . Aber du, — ja, 
du bist also Ingenieur . . , Du 
hast immer schon gesagt, daß 
du Ingenieur werden wolltest . . . 
Obgleich du in der Schule 
kein besonders guter Mathe 
matiker gewesen bist. 
Der Andere: Nein, da hatte 
ich Pech. Der Mathematik 
lehrer . . , 
Der Eine: Konnte dich nicht 
leiden, alter Freund, hähähä . . . 
So war's. Ich weiß, wie wir ein 
mal ein Viereck durchnahmen, und 
du wolltest es immer so lösen, 
wie ein Dreieck . . . 
Der Andere: Aha, ja . . . 
Der Eine: Ich weiß, wir haben 
später noch oft darüber gelacht. 
Der Andere: Natürlich . . . 
Wenn ich jetzt daran denke — 
ein Dreieck mit einem Viereck zu 
verwechseln! . . . Aber seither 
habe ich meine mathematischen 
Kenntnisse erweitert. 
Der Eine: Das kann ich mir 
denken. Ich sehe, du bist ganz 
gut gekleidet, _ trägst anständige 
Schuhe . . . gehörst zur besitzenden 
Klasse . . . 
Der Andere; Mein Gott, ja .. • 
Der Eine: Du hast überhaupt 
so etwas Gepflegtes . . . Du hast 
dich wohl auch verheiratet, nicht 
wahr?
        
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