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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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D ie Frisur bildete und bildet einen wesentlichen Bestand 
teil der Toilette einer schönen und eleganten Frau. 
Wenn man früher mit dem eigenen Haar nur selten 
auskam, so ist das heute anders geworden. Man streckt 
sich nach der Decke, das heißt, man richtet seine Frisur 
nach dem Material, das einem zur Verfügung steht. 
Zu allen Zeiten sind unter den Händen geschickter Friseure 
seltsame Gebilde entstanden, die dem prauenantlitj einen kleid 
samen Rahmen bieten sollten. Es gab eine Ballonfrisur, bei der 
die Stirn durch Auszupfen des Haares künstlich erhöht wurde 
und die dem Kopf eine höckerartige Form verlieh, und es gab 
eine Frisur, bei der sich das Haar wie ein Bukett aus einer 
Spitjenmanschette hervorhob. Die schöne Niuon de Lenclos sagte 
einst zu Frau von Choiseul, ihr Kopf sähe aus wie ein 
Bauerngarten, so viele Blumen hatte sie sich in das 
Haar gesteckt, und der Herzogin von Fontange, 
von der Liselotte von der Pfalz sagte, sie sei: 
»ein dumm thiergen, aber gar ein gut 
Gemüt und schön wie ein Engel«, ver 
dankten die Frauen die nach ihr be 
nannte, kleidsame hohe Frisur, die 
»Fontange«, die einem Zufall ihre 
Entstehung verdankte. An einem 
heißen Tage soll die Herzogin 
sich eine ganz hohe Frisur zu 
rechtgemacht und sich bei der 
Jagd, um sich vor Hitje zu 
schüfen, auf diesen Turm noch 
einen hohen Aufsatj von grü 
nem Laub und Blättern ge 
stülpt haben. Diese Coiffurefand 
den Beifall des Königs und ver 
breitete sich über ganz Europa. 
Die hohe Frisur hat sich 
heute bereits ganz und gar über 
lebt. Der Scheitel steht in hoher 
Gunst, sei es der in der Mitte 
oder der nach rechts oder links 
gezogene, ln weichen Wellen liegt 
das helle oder dunkle Haar um den 
kleinen Kopf. Wenn mm die neue 
Frisur im erslen Augenblick vielleicht 
noch ungeordnet erscheint, so kann man 
bei näherem Hinsehen doch eine gewisse Sym 
metrie in der Anordnung feststellen. Einen sicht 
baren Haarknoten tragen nur noch wenige elegante 
Evefyn Ncsßirß- 
Frauen, es sei denn die, denen der breite spanische Kamm wohl 
ansteht, jener helle oder dunkle Schildpattkamm, der eines natür 
lichen Haltes bedarf. 
Das charakteristische Kennzeichen der neuen modernen Frisur 
ist das Bedecken der Ohren. Sei es, daß die feinen und rosigen 
Hörorganc gerade noch von den dichten, gescheitelten Haar 
wellen verborgen werden, die abgeschnitten zu beiden Seiten des 
Kopfes herabhängen, sei es, daß sie eben noch die Perlenboutons 
freigeben, die die Ohrläppchen zieren, — Originell sind die 
großen spanbehen Ohrgehänge, die dem Gesicht einen exotischen 
Ausdruck verleihen. — Auf jeden Fall steht der Hut besser zu 
einer Frisur, die die Ohren nicht freigibt und bei der die zu 
beiden Seiten herabfallenden Haare einen äußerst kleidsamen 
Schmuck für die Kopfbedeckung jeder Form liefern. 
Es gibt elegante Frauen, die ihre Frisuren je nach 
den Koben, die sie anlegen, verändern und 
die — wer kennt sich in dem weiblichen 
Geschlecht je aus?! — zum kommenden 
Keifrock vielleicht nach dem bekannten 
Vorbilde auch wieder Kohlköpfe, Ka 
rotten und Radieschen in die Locken 
stecken?! Wer weiß, im Winter 
gibt es vielleicht schon eine Haar- 
sprachc, wie es jef^t eine Augen 
sprache gibt. An ihren Haaren 
sollt ihr sie erkennen! Flora 
von Pommer-Esche stickte rote 
Kosen für ihren Bräutigam und 
färbte die weiße Wolle dazu 
mit ihrem eigenen Blute. Die 
modernen Schönen zeigen 
dann vielleicht durch die 
Farben, die sie ihren Haaren 
geben, ihren Verehrern die Ge 
fühle an, die sie für sie hegen: 
Rot = Liebe, Gelb = Eifer 
sucht, Schwarz = Haß usw. Jede 
Frau sollte auf ihre Frisur die aller 
größte Sorgfalt verwenden, denn der 
Kopf ist doch schließlich die »Haupt 
sache! Und unsere Frauen haben es 
immer noch verstanden, ihr mehr oder 
minder schönes Köpfchen durchzuseben. Dar 
um, ihr Herren der Schöpfung, achtet auf die 
Haarfarbe! Vielleicht läßt sidi aus ihr auch 
allerlei auf das Temperament der Besi^erin schließen.
        
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