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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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hat. Hören Sie! Erszi war eine Ungarin. Eine 
Badebekanntschaft. Nicht spötteln, bitte! Es war 
eine Bekanntschaft in allen Ehren. Sie bildete 
sich zur Edelfreundschaft aus, als ich einer Ein 
ladung Ferrys, — so hieß Erszis Gatte, 
folgte, um an den Jagden auf den ausgedehnten 
gräflichen Gütern 
teilzunehmen. Ich 
erinnere mich ei 
nes Gesprächs, das 
wir zu dritt auf 
der Schloßveranda 
des Grafen Ferry 
hielten. Wir spra- 
chen vom Allein- 
lassen der Gattin. 
Das Hin und Her 
der Rede klang 
schließlich hoch- 
dramatisch aus. 
Erszi sagte; 
Ich stürze mich 
in den Schloßteich, 
wenn ich den ge- 
ringsten Zweifel 
meines Gatten an meiner Treue bemerken würde! 
Ferry sagte: Dazu käme es nicht! Ich schösse 
dich vorher nieder! 
Ich dachte: Paprika! Scharf und blutrot... 
Meine Freundschaft zu Erszi besaß Mut genug, 
der Gräfin zu erklären, daß man mit Ehe- und 
Treue-halten-Dingen nicht spaßen soll, ja, ich ge 
stand ihr offen, daß mich seit dem Gespräch mit 
dem Teufel-an-die-Wand-Malen ein Grauen in 
Bann hielt, das mich Schlimmes für meine Freun- 
din befürchten ließ. Damals gab mir Erszi mit 
Tränen in den schwarzen Pußtaaugen so gefühl 
voll die Hand, daß ich für Erszi mehr zu fühlen 
glaubte, als Freundschaft 
erlaubt..." 
Frau Marigret unterbrach 
Anatol triumphierend: „Also 
doch! Eine Liebes- und keine 
Spiegelgeschichte!" 
„.. . und weil ich die Ge 
fahr erkannte, so reiste ich 
am Abend desselben Tages 
ab," fuhr Anatol fort, „ 
ich weitererzählen?" 
Frau Marigret nickte be 
jahend. 
„Gräfin Erszi gab mir zum 
Abschied einen kleinen Spiegel, 
Er war rund, in Blech gefaßt 
und trug auf der Rückseite die Reklame einer 
Hutfabrik. Sekundenlang blickte Gräfin Erszi in 
den kleinen Spiegel, bevor sie sagte; Es ist ein 
Zauberspiegel, den mir eine alte Zigeunerin gab. 
Mein Leben habe ich in den Spiegel hineingebannt. 
Anatol! Wo Sie auch weilen, der Spiegel wird Ihnen 
mein Schicksal 
verraten! Ich bin 
nichtabergläubisch. 
Ich steckte den 
Spiegel nach glat 
ten Dankesworten 
in die Tasche. 
Doch sonderbar! 
Sooft ich in 
späterer Zeit den 
Spiegel der Grä 
fin E rszi in die 
Hand bekam, sah 
ich nie mein 
Spiegelbild. Erszi, 
Ferry, das gräf 
liche Schloß, die 
gemeinsam ver 
lebten Tage, — 
das erstand greifbar plastisch in dem Spiegel der 
Gräfin Erszi, Ich sah in dem Talisman die 
Lebenstage der ungarischen Freundin . . 
„Autosuggestion, mein Freund! Autosuggestion! 
Dieses Wunder läßt sich leicht erklären . . .!" 
Frau Marigret blickte Anatol siegessicher an. 
„Ich will's nicht bestreiten/' sagte Anatof leicht 
hin, „obzwar es Dinge gibt zwischen Himmel 
und Erde, die . . ., kurz und gut! . . . Eines 
Tages entfiel der Spiegel der Gräfin Erszi mei 
nen Fingern und — krach! — das runde Glas 
zersplitterte in viele Scherben," 
„Und . . .?" 
„Bald darauf erfuhr ich, daß 
zur selben Stunde, als der 
Spiegel der Gräfin Erszi zer 
brach, nach einer Eifersuchts 
szene die Gräfin Erszi sich 
in den Schloßteich gestürzt 
und Graf Ferry sich erschos 
sen hatte." 
Anatol schob den goldenen 
Spiegel der Frau Marigret 
in das Seitenfach der kost 
baren Handtasche aus Kro 
kodilleder, knipste die Ver 
schlußknöpfe zu und sagte 
sinnend: 
„Seither trage ich nie einen 
Spiegel bei mir . .
        
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