Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

24 
VV / as dem Her« 
„ W zen gefällt, ge« 
fällt dem Auge ,,." 
„Das ist Flucht 
vor meiner Frage, 
Anatol! Ich will wis 
sen, ob ich schöne 
Wangen habe?" 
„Darf ich bitten, 
meine Gnädige, et 
was seitwärts den 
Kopf,., .so!.. . und 
jetzt scharf das Profil, 
.. . danke! Im kunst« 
kritischen Sinn ge« 
nommen erscheintlhre 
Wange gewölbt wie 
der Himmel, tief wie 
die See, unbegrenzt wie der Raum,- — in physio« 
logischem Sinn ist Ihre Wange lieblich anzusehen, 
noch lieblicher zu küssen ...!" 
„Anatol, ich rufe Sie zur Ordnung!" 
„Verzeihen Sie! Ich folge doch nur Ihrem Wunsch 
und doziere über die Seite Ihres Gesichts unter 
dem Auge, die man Wange heißt. Mein Vortrag 
erheischt Redefreiheit. Wissen 
Sie, meine Gnädige, daß das 
Wort Wange einen talismani« 
sehen Einfluß auf die Dichter 
aller Zeiten hatte und hat? 
Kennen Sie Romeos unsterb 
lichen Ausspruch, ein Hand« 
schuh auf Julias Hand sein zu 
dürfen, um ihre Wange zu be« 
rühren ?" Ein köstlicher Einfall 
von Shakespeare, der den Bei« 
fall aller Liebenden finden muß! 
Warum erröten Sie? 
Verräterin ist die Wange 
tiefster Schuld, 
Und bei der Unschuld 
süßer Liebeshuld., 
„Hören Sie auf, Anatol! 
Genug! Etwas anderes . .." 
„Ganz nach Wunsch! Darf 
ich Sie aufmerksam machen, 
meine Gnädige, daß auf dem Sammetpolster Ihrer 
Wangen ein häßliches Kohlenstäubchen sich häuslich 
niederzulassen gedenkt? Höher! Links! Noch höher!" 
„Den Spiegel, Anatol!" 
„Ich trage nie einen 
Spiegel bei mir, seit..." 
„Meinen Spiegel, 
Anatol! In der Hand« 
tasche, im Seitenfach 
rechts, — — danke!" 
Frau Marigret, die 
mit Anatol im hoch« 
eleganten Gesell 
schaftsraum des Elite 
hotels beim Fünfiihr- 
tee saß, nahm das 
Spiegelchen, tupfte mit 
ihrem Batisttüchlein 
das Kohlenstäubchen 
weg, warf einige mu 
sternde kokette Bliche 
in das blitzende Glas 
und reichte Anatol den Spiegel zurück. Anatol be« 
hielt ihn in der Hand und wendete ihn hin und her. 
„Gefällt er Ihnen, Anatol? Sie haben keinen? 
Darf ich ...?" 
„Sprechen Sie nicht weiter!" 
„Warum so erregt, Anatol?" 
„Es war auch ein runder Spiegel, ,,. nicht in 
Gold gefaßt, wie dieser ,.." 
„Zum Rätselraten bin ich nicht 
aufgelegt, Anatol! Entweder 
erzählen Sie verständlich oder 
behalten Sie, was Geheimnis 
bleiben soll!" 
„Ich will erzählen! Sie haben 
gewiß die landläufige Sage 
gehört und geglaubt, daß der 
erste Spiegel, in welchem sich 
ein schönes Mädchen besah, 
der helle klare Bach war, der 
durch die blumige Au ruhig 
dahinfloß,.. Die Sage lügt! 
Das Auge des Menschen, in 
das der Lebensblick eines an« 
deren Auges Sonne und Seele 
versenkte, das war der erste 
Spiegel! Darum wohnt in jedem 
Spiegel eine Seele, ein Men« 
sdhenleben... Lachen Sie nicht, 
meine Gnädige! Ich schwärme Ihnen nicht hoch« 
poetisch etwas vor. Auch ich habe früher gelacht. 
Das Lachen ist mir vergangen, seit mir der Spiegel 
der Gräfin Erszi schreckliche Wahrheit gepredigt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.