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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Die Stunde, der Dame 
Glücklichen schlägt keine Stunde ... we= 
/ ) nigstens in diesem Augenblick noch nicht, da 
der große Zeiger der auf dem Kamin stehen= 
den Rokokouhr »alle neune« hinter sich hat und dem 
kleinen Bruder ein Zeichen macht, damit auch er sich 
etwas beeilen möge. Aber der zögert immer noch . . . 
denn sie schläft so süß! In ihrem weißen Bett liegt sie 
unter dem Spitzenbaldachin lächelnd da. Der eine Ärm, 
von dem der weite Ärmel des batistenen Nachthem 
des zurückgefallen ist, ist hinter dem Kopf mit den ge 
lösten Haaren verschränkt, der andere liegt auf der 
lilaseidenen Steppdecke. Der Traum muß sehr schön 
sein, denn ihre Züge verklären sich. Jetzt öffnet sich der 
Mund ein wenig... weiße Zähne schimmern zwischen 
roten Lippen ... aber der kleine Zeiger kann den Ge^ 
fährten, der auf der Zwölf angelangt ist, nun nicht mehr 
länger warten lassen. Mit dem Dritten im Bunde, dem 
Wecker, holen sie zu neun feinen, wie aus weiter Ferne 
klingenden leisen Schlägen aus und bewirken dadurch, 
daß sich die 
braunen 
Augen un 
ter dem 
Baldachin 
zu dem 
Leben öff=- 
nen, das, 
so hoffen 
wir, für sie 
ein schöner 
Traum ist, 
nachdem 
sie sich 
vom 
Traum ge 
wendet ha 
ben, der be- 
stimmt ein 
schönes 
Lebenwar, 
Der fesche Kimono aus Crepe maroquin, 
der sich, seines fernen asiatischen Ursprungs 
erinnernd, mit exotisch anmutenden Gebil 
den in geometrischen Linien knüpft, oder 
der schwarzseidene Pyjama mit weißer Bor 
düre ist das erste Gewand, in das die eie« 
gante Dame ihre schlanken Glieder hüllt. 
Denn bis zum morgendlichen Ritte ist noch 
viel Zeit, und man eilt mit den kleinen, in 
roten marokkanischen Pantoffeln oder 
Tf schwarzen, mit weißer Seide gefütterten 
Slippers steckenden Füßen so gern durch 
4L die Zimmer, weil es immer etwas zu ordnen, 
immer etwasNeues zu sehen gibt. DieHor« 
tensie ist über Nacht schöner geworden, denn man 
träumte ja von »ihm«, der sie schenkte, und die 
Nelken? Ach, die Nelken sind doch schon etwas 
verwelkt... ob man sie nicht lieber fortwirft ...? 
Fast möchte man glauben, daß sich die Mehrzahl 
junger, hübscher, für den Reitsportpassionierter Frauen 
für den Herrensitz entschieden hat, denn wenn man 
des Vormittags zwischen 10 und 11 Uhr durch den 
Tiergarten geht, überwiegt die Zahl der mit Breeches 
und geteiltem Rock bekleideten Reiterinnen bei weitem 
die, die dem langen Kostüm treu geblieben sind. VieL 
leicht hängt das damit zusammen, daß die moderne 
elegante Frau gern »Sprünge macht« und sich sicherer 
dabei fühlt, wenn sie die Hindernisse im Herrensattel 
und Herrenanzug nimmt. Denn die eng den Schenkel 
umschließenden schwarzundweißkarierten Breeches 
mit den hohen, sporenbesetzten Stulpenstiefeln, dem 
knapp auf Taille gearbeiteten schwarzen Tuchrock, 
dem breitrandigen,ziemlich niedrigen Hut aus Zylinder- 
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