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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

10as tan$t maß im dastand? 
ch finde, daß die Frage etwas falsch gestellt ist. Rich 
tiger, ich meine tänzerisch richtiger sollte sie lauten: 
Wie tanzt man im Ausland? Ich möchte voraus 
schicken, daß man im großen und ganzen nicht etwa 
besser tanzt als bei uns in Deutschland. Die letzten 
drei Jahre haben in Deutschland eine große Zahl 
/ gesellschaftlich einwandsfreier Tänzer gezeitigt, eine 
' Zahl, die vielleicht das Zehnfache der wenigen aus 
macht, die vor dem Kriege Terpsichores Banner 
schwang. In Deutschland tanzt man eher eine Kleinig 
keit besser als der Durchschnitt der Auslandstänzerpaare, 
wohlverstanden nur im großen und ganzen. Denn es 
gibt im Ausland eine gewisse Klasse Gesellschaftstänzer, 
die selbst unseren Tanzkracks um ein Wesentliches 
überlegen ist, und zwar sind dies in der Hauptsache 
Engländer. Die Franzosen sind im Temperament immer 
etwas zu lebhaft und der Amerikaner ist zu exzentrisch. 
Wenn man das Bild des Gesellschaftstanzes im Aus 
lande einer eingehenderen Betrachtung unterzieht, so 
fällt zunächst die schiefe Linie des Tänzers auf, die man 
seit zwei Jahren in ganz vereinzelten Fällen auch bei 
uns antrifft. Der Partner tanzt in einer zunächst etwas 
outriert anmutenden Vornüberneigung, die die Dame 
zur beträchtlichen Zurücknahme ihres linken Armes 
und der linken Schulter zwingt. Sie kommt allerdings 
dadurch mehr von 
der Figur ihres Part 
ners los und wirkt 
sowohl in der Er 
scheinung als auch 
in der Toilette freier 
und selbständiger. 
Diese Vornüberhal 
tung finden wir bei 
jedem Schritt mit 
Ausnahme des ab 
wechselnd mit dem 
rechten und linken 
Fuß nach rückwärts 
gleitenden Boston 
schrittes, den man 
heute mit leichter 
Knickung im Knie 
in jedem Shimmy 
oder Foxtrott ein 
legt. Diese Haltung 
des englischen Tanz 
partners ist eine 
so charakteristische, 
daß man in einem 
internationalenBall- 
saal ohne weiteres 
die einzelnen Na 
tionen herausfinden 
kann. 
Im Gegensatz hier 
zu tanzt der Ame 
rikaner ziemlich 
gerade, steif und 
breitschultrig aus 
ladend mit weitge 
haltenen Händen. 
Er legt den Haupt 
wert auf eine fast 
vollkommene Ruhe 
des Oberkörpers, was in Ostende zu einem ganz amü 
santen Tanz-Gymkana führte, und zwar legten die Be 
werber sich unter die Smokingschulter eine Serviette und 
stellten oben darauf eine gefüllte Tasse Tee mit Unter 
tasse und Löffel, und so tanzten sie, ohne die Tasse zu 
verlieren, einen Schottisch-Espagnol von Anfang bis zu 
Ende durch. Von den zehn Bewerbern dieses amüsanten 
Tanzspiels gelangten sieben mit unbeschädigten Tassen 
an das Ziel. Je ruhiger der Oberkörper ist, um so mehr ar 
beitet das Fußgelenk. Zwar hat das Drehen (die Schraube) 
beim Shimmy längst das Zeitliche gesegnet, und nur in 
besonders guter Laune zu besonders rhythmischen Melo 
dien wird man ihr hin und wieder einmal begegnen. 
Die Schraube ist vollständig ersetzt worden durch den 
„Hintersetzer", einen Schritt, der höchst einfach darin 
besteht, daß die Füße abwechselnd einen Takt hinter 
einandergestellt werden und in der gekreuzten Haltung 
ein bis zwei Takte auf der Stelle wippen. Der Shimmy 
ist dadurch um wesentliches ruhiger geworden und wird 
es noch mehr durch den sogenannten Gleitschritt, bei 
dem beide Füße enganeinandergestellt zusammenbleiben. 
Der Gleitschritt kann auf einen oder einen halben Takt 
getanzt werden, und in der vielseitigen Abwechslung 
dieser beiden Möglichkeiten ist wieder der tänzerischen 
Phantasie beträchtlicher Spielraum gelassen. 
Man tanzt in je 
dem Foxtrott in 
reizvoller Abwechs 
lung Shimmy- und 
Jazzschritte und hat 
nach Fortfall der 
Schraube eine nicht 
mehr zu überbie- 
tende Einfachheit 
und Schlichtheit des 
Tanzbildes gefun 
den, die nicht nur 
vom gesellschaftli 
chen, sondern auch 
vom künstlerischen 
Standpunkt aus nur 
zu begrüßen ist. 
Hoffen wir, daß un 
sere guten Tänzer, 
die ja bei der großen 
Zahl der zum Win 
ter erwarteten Aus 
länder genügend 
Gelegenheit zum 
Studium haben wer 
den, die Lehre dar 
aus ziehen, end 
gültig jedem Koko 
lores Valet zu sagen 
und dessen einge 
denk zu bleiben, daß 
der Tanz, trotz aller 
sportlichen Auftri- 
sierung nichts an 
deres ist als das 
beliebteste, inter 
nationale Gesell 
schaftsspiel. 
7. W. Koeßner. 
Originaizeidmung / Boris. 
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