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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Auf o mobilrennen 
Von Werner Rymholf. 
I m großen Publikum ist immer noch vielfach die Ansicht 
verbreitet, daß Automobilrennen lediglich der Schnellig 
keit wegen veranstaltet werden, daß also ihr einziger 
Zweck der sei, möglichst große Geschwindigkeiten zu 
erzielen. Diese Ansicht ist durchaus unzutreffend. Es 
gibt allerdings Rennen, die mit dem ausgesprochenen 
Zwedc in Szene gesetzt werden, möglichst schnelle Zeiten 
zu fahren, Rekordfahrten über kurze Distanzen, bei 
denen die Teilnehmer einzeln vom Start gehen, und bei 
denen eine bestimmte Strecke für Anfahrt und Auslauf 
festgesetzt ist. Solche Rekordfahrten haben kürzlich in 
dem Nordseebade Fanö stattgefunden/ sie sind ferner 
in den Vereinigten Staaten sehr beliebt und eine ständige 
Programmnummer bei den großen Rennveranstaltungen 
in Florida Beach, also an der Meeresküste, wo der feste 
Meeresstrand eine vortreffliche, große Schnelligkeiten zu 
lassende Rennbahn darstellt. Auch bei den klassischen 
Touren Wettbewerben, wie Österreichische Alpenfahrt und 
Herkomer-Fahrt, pflegte eine Schnelligkeitsprüfung ein 
geschoben zu werden, die besonders gewertet wurde. 
Bei den Rennen, die der Automobil-Club von Deutsch 
land am 24. und 25. September auf der neuen Auto 
mobil-Verkehrs- und Übungsstraße im Grunewald ver 
anstaltet, wird ebenfalls eine solche Schnelligkeitsprüfung 
stattfinden, und zwar in Gestalt von Rekordversuchen 
über 3 km mit fliegendem Start/ hierfür sind Rennwagen 
mit unbeschränkten Zylinder-Abmessungen zugelassen. 
In Wirklichkeit ist der Zweck von Automobilrennen, 
seien sie nun regelrechte Rennen wie der frühere Kaiser- 
Preis <Taunus>, das Gordon-Bennctt-Rennen, die »Targa 
Florio«, ♦ der Große Preis von Frankreich <Le Mans), 
oder Tourenfahrten wie 
die Alpenfahrt, die 
Herkomer- oder Prinz- 
Hcinrich-Fahrt, der, das 
teilnehmende Wagen- 
material auf seine 
Leistungsfähigkeit und 
W iderstandsfähigkeit 
zu erproben. Dies kann 
nämlich nirgends besser 
geschehen als bei schnei' 
len Rennen auf schwie 
rigen Straßen, die in 
folge starker Steigungen 
und Kurven die Wagen 
anz außerordentlich 
canspruchen. Bei 
schneller Fahrt unter diesen Bedingungen wird ein Wagen 
wirklich auf Herz und Nieren geprüft, und bei der 
österreichischen Alpenfahrt, bei der etwa 27 Alpenpässe 
bis zu 2300 m Höhe zu überwinden waren, ist es hin 
und wieder vorgekommen, daß schon am ersten Tage 
eine ganze Anzahl von Wagen auf der Strecke blieb. 
Ein bekannter Rennfahrer, mit dem ich in einem der 
letzten Jahre vor dem Kriege die Alpenfahrt mitmachte, 
hatte das Pech, schon am ersten Tage Zylinderbruch zu 
erleiden und kurz vor Klagenfurt liegenzubleiben. Das 
bedeutete nicht nur sofortiges Ausscheiden aus der Kon 
kurrenz, sondern auch einen harten Schlag und erhebliche 
finanzielle Einbußen für die Fabrik, deren Fabrikat er fuhr. 
Es ist leicht begreiflich, daß die Beanspruchung des 
Wagens und aller seiner Teile, vom Motor angefangen 
bis zu den Pneumatiks, mit der steigenden Geschwindig 
keit wächst, und zwar erheblich mehr wächst, als die 
rein zahlenmäßige Erhöhung der Schnelligkeit dies an=> 
deutet. Ein Wagen, der imstande ist, eine Rennstrecke 
von etwa 500 km mit einer Geschwindigkeit von 100 
oder mehr Kilometern Durchschnitt in der Stunde ohne 
Defekt zurückzulegen, muß in seiner Konstruktion ganz 
hervorragend sein, und alle seine einzelnen Teile müssen 
eine außerordentliche Festigkeit und Widerstandsfähigkeit 
besitzen. Unsere großen Fabriken verfügen daher aus 
nahmslos über ein Laboratorium oder eine Prüfungsstelle, 
wo alle für die Bearbeitung in Frage kommenden Teile, 
sei es nun Holz für die Karosserie, Gußeisen oder 
Stahl, Draht oder Messing, kurz, was auch immer, unter 
Zuhilfenahme besonders dazu bestimmter Maschinen 
einer Probe auf Druckfestigkeit, Zug- oder Zerreißbarkeit 
unterzogen werden. Diese Gründlichkeit unserer Kraft 
wagen-Industrie, die nach außen hin durch glanzvolle 
Siege — ich erinnere hier nur an den einzig dastehenden 
Erfolg der Mercedes-Wagen im Großen Preis von Frank 
reich im Jahre 1914, wo sie die drei ersten Plätze be 
setzten — in Erschei 
nung trat, hat ihr denn 
auch eine bevorzugte 
Stellung auf dem Welt 
markt erobert. Wer die 
diesjährigen Ereignisse 
im internationalen Auto« 
mobilrennsport verfolgt 
hat, wird wissen, daß 
unsere Industrie diesen 
Platz immer noch glanz 
voll behauptet/ die Er 
folge deutscher Wagen 
in der »Targa Florio«, 
dem klassischen Rennen 
auf Sizilien, in der 
»Coppa della Alpi«, 
der italienischen Alpenfahrt, und in den Prager Berg 
rennen — um nur einige Wettbewerbe herauszugreifen — 
beweisen dies. 
Die Automobilfabriken würden sich die erheblichen 
Kosten, die mit der Beschickung und Bestreitung der
        
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