Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

D as ist Ja gar nicht das Merkwürdige: daß 
das Publikum auf irgendeinen Schwindel 
reingefallen wäre. Das tut's jedes Jahr fünfmal, 
davon lebt eine Anzahl kluger Leute ihr Leben 
lang ausgezeichnet, und wenn die Bombe platzt, 
wundert sich kein vernünftiger Mensch darüber. 
Nein, das Merkwürdige ist: dieser Schwindel 
ist entweder gar keiner oder es ist fast unmöglich, 
ihn als solchen nachzuweisen. 
Überlegen wir uns mal ganz ruhig: wie ent« 
standen die Sportbanken? 
Irgendein smarter Junge half sich mehr oder 
weniger redlich als Friseur, Photograph oder Kellner 
durch. <So ein HjaImar«Exdal=Beruf ist's immer/ 
merkwürdig, daß ein Schmied oder ein Tischler 
niemals auf solche Gedanken kommt.) Nebenbei 
wurde ein bißchen auf der Rennbahn gewettet. Aber 
die zehn Mark, die man da täglich anlegen konnte, 
ohne zu verhungern, machten das Kraut nicht fett. 
Man fing an für gute Kunden Wetten zu placieren 
und sich dafür eine kleine Provision zahlen zu 
lassen. Jetzt ging's schon besser. Und nun tauchte 
im Hirne des findigen Herrn — hieß er Klante, 
Köhn, Biedermann oder sonstwie? Interessant wär's 
schon, den idealen Urheber zu wissen — der Gedanke 
auf: das kann man auch im großen machen. Und 
zwar auf vernünftiger, keineswegs schieberischer 
Basis. Der Mann rechnete so; man setzt zehnmal in 
zwei Monaten auf je einen totsicheren Favoriten, 
für den es durchschnittlich 12: 10 gibt, jedesmal 
einhundert Mark, Das glückt aller Wahrschein« 
lichkeit neunmal, also werden in diesen zwei Monaten 
einhundertachtzig Mark verdient. Es soll einmal 
mißglücken, dann sind einhundert Mark flöten. Im 
schlimmsten Falle bleiben also achtzig Mark auf 
hundert übrig,- man sagt also nicht zuviel, wenn 
man den Einlegern 50°/o verspricht. Denn dies ist 
der sdilimmste Fall,wie gesagt: in vielen Fällen wird's 
auf den Favoriten mehr als 12; 10 geben, so daß 
sich ein eventueller Verlust reichlich ausgleicht. Der 
Spielparagraph kann auch nicht angewendet werden, 
denn das Spielen am Toto ist staatlich erlaubt. 
Dieser sachlich durchaus richtige Gedankengang 
führte sofort zu Taten. Man mietet eine Etage 
— oh, lieber Freund! für so was gibt's doch Etagen, 
trotz Wohnungsamt! — man schließt einen Möbel« 
leihvertrag und annonciert. Irgend jemand mit ein 
paar Mille in der Tasche für die nötigen ersten Aus« 
gaben hat sich auch gefunden. Und nun geht's bergauf 
wie mit einem hundertzwanzigpferdigen Mercedes. 
Die Millionen strömen nur so. Und es sind wahr« 
haftig nicht die berühmten »kleinen Sparer«, die 
14
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.