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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

riskiert, ein gewissenhafter Chauffeur es zu verhindern ge 
wußt. —' Außer den Nerven braucht der fourenfahrer voi 
allem Ausdauer. Er muß imstande sein, einen ganzen Tag 
lang, vielleicht mit kurzen Unterbrechungen, am Steuer zu 
si^en, selbst wenn heiße Julisonne herabscheint. Ich habe 
schon wiederholt gesehen, wie Fahrer am Steuer, von der 
langen Fahrt im Staub und Sonnenbrand ermüdet, einfach cin- 
geschlafen sind. Graf Alexander Kolowrat, neben Otto 
Hieronymus wohl der bekannteste und erfolgreichste Auto 
mobilist Österreichs, erzählte mir einst, daß er bei einer 
Fahrt von Straßburg nach Klattau (780 km), die er in einem 
kleinen 14/16PS-Wagen an einemlage zurücklegte,von6Uhr 
früh bis ‘/»2 Uhr nachts ununterbrochen auf einem Sitze ge 
sessen habe. Eine solche Gewalttour ist natürlich nicht jedei- 
manns Sache und erfordert eiserne Nerven und einen sehr 
widerstandsfähigen Körper. Auch Graf Kolowrat ist einmal 
auf einer Tour in England eingeschlafen. Er erzählte mir 
darüber: »Ich war auf einer längeren Tour begriffen und ge 
riet in die Nacht hinein. Als ich zu einer Steigung kam, wollte 
ich sie mit der dritten Geschwindigkeit nehmen (damals 
waren fast alle Wagen nur mit drei Schnelligkeiten ausge 
stattet). Da ich jedoch merkte, daß derMotor mit der»Dritten« 
nicht hinauf kam, wollte ich auf die »Zweite« umschalten. Ich 
glaubte dies bewerkstelligt zu haben. In demselben Moment 
schlief ich ein. Als ich wiederaufwachte, waren inzwischen 
vielleicht zwei, vielleicht aber auch zehn Sekunden vergangen, 
und der Wagen befand sich in voller Rückwärtsfahrt. Ich 
zog sofort die Hand- und Fußbremse an und rettete dadurch 
mich und die Insassen. Der Vorgang war dadurch zu erklären, 
daß ich den Schalthebel gar nicht auf die »Zweite« einge 
schaltet, sondern ihn nur bis zu der neutralen Stellung 
zwischen den beiden Kulissen gerückt hatte; der Hebel stand 
also auf Leerlauf; in diesem Moment war ich eingeschlafen.« 
Sehr wesent 
lich für den 
Herrn am 
Steuer ist das 
Schnelligkeits 
gefühl, also das 
Beurteilen der 
Schnelligkeit 
des eigenen 
Wagens so 
wohl wie das 
anderer Ge 
fährte, die ihm 
unterwegs im 
Straßenverkehr 
oder auf der 
Landstraße be 
gegnen. Schätzt 
der Kraftfahrer 
die Geschwin 
digkeit der 
Straßenbahn 
oder der Auto 
droschke, die 
ihm entgegen 
kommt, falsch 
ein, so wird er 
bald erhebliche 
Reparatur 
kosten zu be 
zahlen und peinliche Schadenersatzklagen zu erwarten haben. 
Das richtige Schäden der Fahrgeschwindigkeit ist natürlich 
Übungssache, und man wird bald vollkommen im Gefühl 
haben, wie schnell eine Straßenbahn, ein Auto oder ein 
von Pferden gezogener Wagen sich vorwärts bewegt. Viele 
Menschen haben eine förmliche Angst vor schnellem Fahren 
und werden schon nervös, wenn das Automobil, in dem sie 
sitzen, schneller als etwa 35 km in der Stunde fährt. Sehen 
sie aber erst einmal ein Automobilrennen, in dem die Wagen 
mit mehr als 100 km Geschwindigkeit dahinbrausen, so 
bleibt ihnen beinahe der Atem stehen. Der Herr am 
Steuer, der ja gewöhnlich nicht solche Rennen bestreiten 
wird — der Amateur-Rennfahrer ist ja immerhin eine Aus 
nahmeerscheinung -, wird aber doch gut tun, sich mit ge 
wissen erhöhten Schnelligkeiten vertraut zu machen. Er 
soll wissen, daß sein Wagen eine Geschwindigkeit von 70, 
80 oder gar 90 km in der Stunde leisten kann, und daß 
er ihn, muß es einmal sein, auch mit Sicherheit in diesem 
Tempo steuern kann. Die anfängliche Befangenheit und 
Nervosität, die beinahe jeden befällt, der zum erstenmal ein 
100-km-Tempo fährt, verschwindet bald und macht einem 
wahren Lustgefühl Platz- Die Kunst des Stenerns wächst 
natürlich mit steigender Geschwindigkeit erheblich, denn 
wenn der Wagen ein 100-km-Tcmpo fährt, so genügt schon 
eine ganz minimale Abweichung, um ihn völlig aus der 
Richtung zu bringen. 
Zur Steuerung eines Kraftwagens gehört, wenn man sie 
zu einer Kunst entwickeln will, noch erheblich mehr, als in 
diesen wenigen Zeilen gesagt werden konnte. Das 
Fahren bei Nacht, bei Eis und Schnee, die Behebung 
kleiner oder größerer Defekte, die sorgliche Behandlung 
des Wagens und seiner Organe, wie der Reifen, der Schalt 
hebel und Bremsen — hierdurch können außerordentliche 
Ersparnisse ge 
macht werden! 
— dies alles 
sind Dinge und 
Kunstfertig 
keiten, die in 
ihrer Gesamt 
heit die hohe 
Schule der 
Fahrkunst aus 
machen. Es 
gibt Fahrer, die 
cs nie zu wirk 
licher Meister 
schaft bringen, 
und andere, die 
gewissermaßen 
geborene Fahr 
künstler sind. 
Die mittlere 
Kategorie wird 
sich am besten 
zu dem Wahl 
spruch »Eile mit 
Weile« beken 
nen; einigePas- 
sion, Fleiß und 
Übung wird 
auch sie zum 
Ziele führen. 
Start auf der GnniewaldBafm. 
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