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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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anständige Menschen — denn sonst würde sich das Ge 
schäft nicht lohnen. Diese anständigen Menschen sinds 
eigentlich auch schon nicht mehr so ganz. Sie haben 
schon angefangen da hinabzugleiten, von wo es selten 
ein Heraufkommen gibt. Kaufleute, die hier mehr ver 
spielen als sie verdient haben, Agenten, die tagsüber 
in Annoncen oder Versicherungen machen, Buchmacher, 
kleinere Schieber und ähnliche Herrschaften. Zwischen 
durch zwei oder drei „Verschleppte“: Leute mit sehr 
viel Geld, das sie hier prompt los werden; junge 
Menschen aus anständiger Familie, die die Leidenschaft 
hergepeitscht hat, Provinzonkel, die „das Leben in 
Berlin“ kennen zu lernen wünschen. 
Und die Damen? Viele Klassen sind da vertreten. 
Die „Freundinnen“ der werten Herren Gewerbsmäßigen, 
die hundert Mark zum „Verspielen“ bekommen haben, 
aber diese, da sie der Natur der Sache entsprechend 
gewöhnlich die richtigen Tips haben, oft recht 
wesentlich vermehren. Dann die alten Hyänen 
des Spieles: Damen zwischen dreißig und fünf 
undsechzig, die dieser Leidenschaft alles 
geopfert haben: Gatten und Kinder und 
soziale Stellung und persönliche Ehre — 
die nicht leben können ohne den 
flucht süßen Reiz des grünen 
Tuches. Die zu allem, aber ein 
fach zu allem bereit sind, um sich 
die Mittel zum Spiele zu ver 
schaffen. Denn die Frau, dem 
1 eufel des Jeus einmal verfallen, 
gehört ihm ganz und ausschließlich. 
ver- 
Dann junge Filmschauspielerinnen oder 
andre Flittchen, die sich von ihrem „Kavalier“ 
das erste Mal hierher haben mitnehmen lassen 
und dann allein wiederkamen. Zwischendurch 
irgend ein Ehepaar, über das glücklichste Alter 
hinaus, das ökonomisch disponiert, genau seine 
Leute kennt und seiner Spielliebhaberei mit 
Umsicht frönt. 
Was gespielt wird? Bac, nur Bac! Ent 
weder ä deux cotes, so zwar, daß einer die 
Bank hält und die andern pointieren, oder aber 
chemin de fer, wobei jeder einmal den „Schlitten“ 
(Kartenbehälter) in die Hand bekommt und 
aussetzen darf was er will. Beides ist gleich 
gefährlich, gleich chancenreich, bei beidem kann 
der Neuling unerhört betrogen werden. So 
genannte „spanische Schlitten“, das heißt Karten 
behälter, in die die Karten nach dem Wunsche 
des Bankhalters hineingelegt worden sind, trotz 
dem die Pointeure sorgfältig gemischt haben, 
sind gar keine Seltenheit — man muß sie aller 
dings erlebt haben, um sie für möglich zu halten. 
Du hast deine zwei Fünfziger geopfert, deinen 
Kognak getrunken und ziehst dich diskret zurück. Unten 
hat dich der Cerberus grade rausgelassen — da, ein 
schriller Pfiff — Cerberus stürzt irgendwo an die Wand 
und bearbeitet wie wahnsinnig eine Klingel Sipo 
leute dringen ins Haus — eine kleine Aushebung soll 
vor sich gehen. Du kannst froh sein, daß du nicht 
mit erwischt wirst! 
All das gibts natürlich auch in hochelegant. Am 
Kurfürstendamm in Zwölfzimmerwohnungen, ja im alten 
Westen in einstmals, ach, so vornehmen Villen. Ja es 
gibt sogar etwas noch viel Gefährlicheres: das Unantast 
bar — Legitime in den vornehmen Klubs, die jedes 
Hasardspiel auch 1919 streng verpönt hatten. Kennt 
ihr das Spiel der großen V7elt, in dem seit einigen 
Monaten in den großen Klubs täglich Hunderltausende 
umgesetzt werden? Lacht nicht, es heißt: 
Sechsundsechzig. Ohne Neunen mit zwanzig 
Karten gespielt, ist es ungefähr das 
Tückischste, was der höllische Dezer 
nent für Spiel erfunden hat. 
Dieser höllische Dezernent ist 
munter am Werke. Wiederum, wie 
vor zwei Jahren, mischt er die 
Karten, auf denen die Schicksale 
der Menschen dargestellt sind, und 
spielt sein Spiel mit ihnen. Und 
wessen Karte links fällt, für ihn, 
der ist ihm verfallen für Zeit und 
Ewigkeit. Vigo
	        
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