Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

9 
E s gibt immer noch Leute mit frommem, gläubigem 
Gemüt. Neulich sprach ich mit einem gediegenen 
Manne, Regierungsrat oder so, der allen Ernstes 
behauptete, in Berlin würde überhaupt nicht mehr ge 
spielt. „Die Sicherheitspolizei hat energisch durchge 
griffen; wenn es ja noch irgendwo Spielklubs gibt, so 
ists in irgendwelchen Spelunken des Ostens. Im Westen 
sind sie vollkommen ausgerottet.“ 
Du ahnungsloser Engel du! Mit genau demselben 
Rechte kannst du behaupten, daß kein Mensch in Bayern, 
Mecklenburg und Pommern Waffen oder Butter habe! 
O nein, mein holder Abendstern: es wird wieder feste 
gejeut in Berlin, und zwar nicht bloß von den Ewig- 
Verlorenen, den Nichts-als-Spielern, die entweder nicht 
anders können oder davon leben oder beides, nein auch 
von den vielen anständigen Menschen, die sichs schon 
„beinah abgewöhnt“ hatten. 
Wo wird gejeut? Überall! Da unterhält ein sehr 
großer, ganz reicher Herr in einem der ersten Berliner 
Hotels dauernd einige Sa 
lons, in denen sich seine 
Freunde zu einer gemüt 
lichen Partie Bac treffen 
(Nachmittagsumsatz drei 
viertel Millionen), da 
hält eine „Frau Baronin“ 
in der Brandenburgischen 
Straße einen Tee von 
nachmittags um vier bis 
morgens um neun, da 
treffen sich bei einem 
„Bankier“ verschiedene 
Herren und Damen der 
neuenFinanz — der Zweck 
ist überall derselbe. , Diese Sorte Vereinigungen sind 
polizeilich sehr schwer zu fassen, weil Ihnen der private 
Charakter kaum abzusprechen ist. 
Aber die Andern! Du wandelst, Wanderer, durch 
eine stille Straße irgendwo im neuen Westen. Vor 
irgendeiner Haustür spazieren zwei — na sagen wir 
Herren, auf und ab, die offenbar die schöne Nachlluft 
genießen wollen. Hinter der Haustür, die konfiszierte 
Visage fest an die Scheibe gedrückt, steht noch ein 
Gentleman, in der Hand ein Taschenlaternchen. Ein 
Auto fährt vor. Die beiden Herren draußen gehen vor 
sichtig heran — irgend ein Zeichen wird gegeben, ein 
Wort geflüstert, die Kerle helfen dienstfertig dem Herrn 
und der Dame aus dem Auto. Der Mann hinter der 
Scheibe schließt schleunigst auf — wenn du ein bißchen 
geschickt bist, rutschst du mit rein. Geführt von dem 
treuen Schaffner schwebt ihr nach oben — denn auch 
der Lift funktioniert hier in der Nacht. 
Oben in irgend einer Sechszimmerwohnung, im 
Berliner Zimmer um den 
bewußten grünen Tisch 
herum — da findest du 
sie alle, alle wieder, die 
du im Jahre 1919 so heiß 
geliebt hast! All die 
Herren, die nur am Tage 
schlafen, und deren Ge 
werbe sich nur durch die 
mindere Ehrenhaftigkeit 
und geringere Gefahr von 
dem des Einbrechers 
unterscheidet. Fünf 
, ihrerZunftkommenhier 
auf ungefähr zwanzig
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.