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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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»Bravo!« Man wird ernst. Da springt endlich mal wieder 
ein Nervenkitzel aus dem Alltagstrott des Lebens. »500 Pfund! 
Der Klub gegen Lord Bendrik! Hallo!« 
Aber Lord Bendrik: »Shocking! Sich auf Kosten der Ehre 
einer Dame zu bereichern. Wir sind Ästheten, gentlemen! 
Gut, 500 Pfund. Der Verlierer zahlt sie in die Unterstützungs- 
kasse englischer Witwen und Waisen in den Kolonien!« (Der 
Lord überlegt flüchtig, daß er der Vorstand dieser Wohl- 
fahrtseinrichtung ist, und daß im schlimmsten Falle, wenn . . . 
Aber es wird kein »schlimmster« Fall eintreten!) 
Der Lord läßt sich die Adresse Mabels geben. Er erhebt 
sich/ schlürft den Rest seines Whisky und sagt: »In acht Tagen 
bin idi hier und habe die Wette gewonnen. So long, 
gentlemen!« — Und geht. — — — — — — — — — — 
Mis Mabels Wohnung war ein Feentraum. Besonders der 
Raum, in dem am ersten der adit Tage Lord Bendrik seinen 
Tee einnahm. Dunkles Grün mit Altgold um schimmernde 
Möbel aus Zitrone. Die Beleuchtung so undefinierbar wie die 
Farbe eines Cnamäleon. Sie selbst, die Diva — oh, wo sind 
die Federn der berühmtesten Romanschriftstellerinnen der alten 
Schule, wo die Pinsel göttlichster Meister aller Zeiten, um den 
Liebreiz ihres Wesens zu besingen, und den Zauber ihrer 
Anmut auf die Leinwand zu bannen?! — 
Sogar Lord Bendrik war vor Staunen starr, so daß er 
förmlich vergaß, ihr den herrlichen Strauß Gloire-de-Dijon zu 
überreidien (eine der 333 Arten!). Erst als sie ihm in ihrem 
wundervollen Tea-gown gegenüber saß und bedenklidi mit 
dem übergeschlagenen Bein wippte, erinnerte er sich, weshalb 
er eigentlich hier war. Kritisch sah er auf das bedenkliche 
Bein und wurde einsilbig, so daß die F.Imduse sagte: »Nun, 
was denkt mein Lord?« Ohne dabei mit dem Wippen aufzuhoren. 
Diplomatisch erwiderte der Lord: »Ich denke, daß eine 
Frau von Geschmack wie Sie, teure Mabel, zu diesem reseda- 
farbenen Strumpf nur ein dunkles Strumpfband mit einem 
blitzenden Steinverschluß tragen kann.« 
Worauf die Diva: »Sie rauchen eine Zigarette, Lord, 
nicht? Bitte: Türkischer Tabak, mit japanisdien Blüten parfümiert.« 
Der Lord seufzte ein wenig und suchte nach neuen Vor** 
stoßen. Aber nichts gelang ihm heute. Sie war seinen 
Attacken gegenüber wie ein Aal. Sie war sprühend, über- 
sprudelnd von Bonmots und scharfgeschliffenen Repliken, heraus» 
fordernd — aber sie zog einen Kreis um sien, in den er nicht 
dringen konnte, mit einer Art, wie sie Lord Bendrik noch nicht 
vorgekommen war. Ein lächelndes Wort, eine kleine Geste, 
und jeder seiner Versuche scheiterte an der unsichtbaren Peru 
pherie ihrer Unantastbarkeit, 
Dabei war sie schön -, by Jovc - wirklich sdiön, dachte 
der Lord, und ich fühle, wie diese Kirke ihr feines Netz um 
mein Herz schlägt. T , 
Tant mieux! Dann muß eben die Liebe die Kastanien aus 
dem Feuer holen, id est: das Strumpfband vom Knie. 
Aber! — Aber mit des Geschickes Mächten läßt sich schwer 
um ein Strumpfband fechten! Lord Bendrik mußte sich von 
einem auf den andern Tag vertrösten. Er versuchte sämtliche 
333 Arten und noch einige dazu. Er bestach die Hofe, 
engagierte die beiden ersten Detektive der Stadt, kaufte Aktien 
der Urban-Company, schmierte Regisseure, Friseuse und Gar 
derobiere, betrank sich mit einem zwanzigmal vorbestraften ge» 
wiften Einbrecherkönig, beschenkte die Diva mit allen galanten 
Aufmerksamkeiten, die er in wohlberechneter Steigerung folgen 
ließ, er schenkte ihr sogar Strumpfbänder. Vom sechsten 
Tage ab begann er sich salopp zu kleiden und kaute auf den 
Fingernägeln, am siebenten Tag vergaß er das Frühbad, warf 
seinem Diener ein Ei an den Kopf und schmierte sich die 
Butter statt auf den Toast auf die Hand, kurz; am achten Tage 
war die Manie hochgradig entwickelt, ohne daß er seinem Ziel 
um einen Schritt nähergekommen wäre. 
Und zur bestimmten Zeit fand sich Lord Bendrik am Abend 
im Klub ein, verweilte jedoch nur so lange, um zu sagen: 
»Gentlemen, ich werde 500 Pfund in die Kasse zur Unterstützung 
englischer Witwen und Waisen in den Kolonien einzahlen.« 
Dann ging er. Am besten hätte er ja jetzt einen Browning 
genommen. Aber das hätte zu nichts als zum vorzeitigen Tod 
geführt, und in diesem Stadium erlangt man kein Strumpfband 
mehr. Daß er die 500 Pfund verloren, berührte ihn wenig. 
Aber sein Ruf, daß er den eingebüßt halle, das war das Schlimme. 
Schlimmer noch, daß er persönlich dieses verdammte lächerliche 
Strumpfband nidit seiner Sammlung eingliedern konnte. Und 
schlimm war, daß er in diese Diva, diese heißkalte Teufelin, 
vernarrt war, ohne daß sie ihn wiederliebte! 
Stop! Slow down! Da war der Haken. Nidit liebte . . .? 
Hallo! — Einmal, am fünften Tag, dem Tag, da er ihr die 
Strumfbänder zum Gesdienk gemacht, hatte sie ihm gesagt; 
»Über Strumpfreifen, lieber Lord, weiß ich nur das eine, daß 
sie zu Ehereifen in sympathischer Beziehung stehen!« Seht, 
seht! Zu Ehereifen . . .! 
Und vierzehn Tage später besah sich die ganze fashionable 
Welt von London in allen größeren Gazetten und Journalen 
mit Staunen und Kopfschütteln die Abbildungen von Fedrik 
Bendrik Lord of Mount Southersprad und seiner Braut Miss 
Mabel Hillbum, «first star of the Urban-Company«. 
Wer aber Gelegenheit hatte, den Lord am Morgen nach der 
Flochzeit zu besehen, mußte mit Schreck wahrnehmen, daß etwas 
auf ihm lastete, das nicht weit von Trübsinn und Melancholie 
entfernt war. Natürlich fiel auch der jungen Frau sein nieder 
geschlagenes Wesen auf. Sie drängte, bat, flehte, sdimollte, 
gebrauchte Tränen und Küsse; Was er habe? Ob sein Zustand 
von dem übermäßigen Glück, sie zu besitzen, herrühre? Oder 
ob er enttäusdit sei? Und wenn hier jemand enttäuscht sein 
dürfe, so hätte sie dodi zuerst das Recht . . . usw. 
Endlich gestand 
derLord von Mount 
Southersprad: »Du 
bist die entzückend 
ste Frau«, sagte er, 
»von ganz England, 
das ist sicherlich 
wahr. Aber, siehst 
du, daß du keine 
Strumpfbänder 
trägst, das hat mich 
enttäuscht«. 
Nurschwergelang 
es der Gattin, ihn 
darüber zu trösten, 
daß sie die geniale 
Erfinderin dieser 
neuenStrumpfmode 
war, die ein Tragen 
des Strumpfbandes 
überflüssig machte. 
Die aber auch — 
dachte inParenthese 
ihr Gatte —, alle 
Strumpf bandsamm- 
lungen der Zukunft 
überflüssig macht.
        
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