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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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ä\ A an sag£/_ Sammelwut könne zu 
j \ / I einer Manie werden, die nicht 
y -*• seiten mit den Gesetzbüchern in 
Konnikt komme. Betrifft diese Manie 
Juwelen, Schmudk oder sonstige Pretiosen, 
so läßt sie sich — vom unmoralischen 
Standpunkt aus, selbstverständlich — be 
greifen. Wenn aber einer zum Dieb 
wird, und einige Mille Zigarren stiehlt, 
die diverse Bauchbinden tragen, die er 
noch nicht in seiner Sammlung hat, oder 
einer zum Mörder wird, um eine Frack 
hose zu bekommen, deren Knöpfe er seiner 
Sammlung einverleiben möchte, so steht 
man — wie man sagt — vor einem Rätsel. 
Fedrik Bendrik Lord of Mount Souther- 
sprad wurde weder zum Dieb noch zum Mörder. Er verübte — 
seiner Ansicht nach — ein weit schlimmeres Verbrechen. Er heiratete. 
Lord Bendrik sammelte Strumpfbänder, wohlverstanden: 
keine Sockenhalter! Wie geschmackvolle Frauen die kleinen 
teuren Bihelots ihrer Reisen aufstellcn — Bronzen, Porzellane, 
Elfenbeinschnitzereien, Emaillen, Miniaturen, so ordnete er 
hinter den facettierten Scheiben seiner Vitrinen Strumpfbänder 
auf dunklem Samt. Strumpfbänder vom einfachsten Gummi 
streif bis zum rüschenbesetzen, brokatübersponnenen, stein 
besetzten, duftgetränkten »Gedicht«, Er ließ sich keine Mühe 
verdrießen, um ein getragenes Strumpfband, denn getragen 
mußte es sein, für seine Sammlung zu akquirieren, und zwar 
persönlich von der Trägerin! Man sollte denken, das dies 
kein zu schwieriges Unterfangen sei, zumal der Lord ein 
sympathischer, rüstig aussehender Vierziger war, jedenfalls, 
wenn alle Kniffe der modernen Schönheitspflege ihr Werk an 
ihm getan hatten. Denn ehrlich gestanden; Beim Lever sah 
der Lord etwa aus wie eine ausgebrannte Feuerstätte — über 
trieben, natürlich —! Aber das Sammeln war trotz seiner 
geschminkten Mannesschönheit doch nicht so einfach. Denn 
er liebte nicht alle Frauen, von denen er Strumpfbänder besaß/ 
man konnte sogar behaup 
ten, daß er die wenigsten 
Frauen geliebt — oder wie 
man so galant sagt: »be 
sessen« hatte, von denen 
Strumpfbänder auf dem 
Samt träumten. Gewöhn 
lich wollte er eben nur 
das Strumpfband, nichts 
weiter. Und da man einen 
solch diskretenGegenstand 
nur zu erlangen pflegt, 
wenn . . ., und dieses 
»Wenn« hei ihm selten 
eintrat, so mußte er oft 
zu den unerhörtesten Lis 
ten, Gewaltakten und 
Bestechungen greifen. Mit 
der Zeit hatte er sich ein 
förmliches strategisches 
Lehrbuch ausgearheitet mit 
dem Titel: 333 verschiedene Arten, Strumpfbänder zu erhalten 
— ein Werk, das ich <die Kompetenz des berühmten Verfassers 
spricht für sich) jedem einschlägigen Sammler dringend ans 
Herz legen mödite, — 
Die ca. 400 Strumpfbänder bildeten in der Tat den Stolz 
des Lords. Er fand sich für alle Mühen und schlaflosen 
7 A 
Illustrationen von Rolf Niezly. 
Nächte belohnt, wenn er einen lieben und 
ehrenwerten Gast, etwa eine ausländische 
Fürstlichkeit oder gar einen Maharadscha 
<denn der dehnbare Beinschmuck wird in 
Indien als ganz besonderes Kuriosum 
angesehen) vor seine Schränke führen 
und mit seiner blasiertesten Stimme sagen 
durfte: »Sehen Sic, lieber Freund, das hier 
ist das Strumpfband der Duchessa di X ... 
Beachten Sie nur, wie das giftig schillernde 
Grün mit dem heiligen Violett verwoben 
ist/ man kann von der Farbentönung 
geradezu auf den Charakter der Frau 
schließen.« Oder er sagte: »Dies hier, 
die Jarretiere der kleinen NinnetteMousson 
vom Boulevard des Italiens, ein pracht- 
Ja, dcar, der entzückende Pariser Trottin 
entflammter Krater!« Und mit gemacht 
volles Rot, nicht? 
glühte wie ein neu 
müder Geste deutete er auf die einzelnen Objekte. — — 
Bis heutigen Tags konnte der Lord behaupten, daß ihm 
dank der 333 Arten noch jede Beute, die er wollte, in die 
Hände gefallen war. Nun aber nahte das Verhängnis, das 
ihn um Ehre, Renommee und Freiheit bringen sollte. 
Man saß im Klub. Die Dandys der Metropole sprachen 
über Politik, durchliefen im Kreuzfeuer den neuesten Gesell 
schaftsklatsch und landeten über Reisen, Sport und Theater 
bei den Frauen. 
Da flog von irgendwo die Bombe auf: »Kennt man Mabel 
Hillburn?« — »Ah, ah, Mabel Hilburn!« — »Welch ein 
Weib!« — »Sie ist die entzückendste Frau Londonsi By 
Jove, Fra sure! . . . Aho, a beaute like that!« 
»Wer ist Mabel Hillburn?« Lord Bendrik fragte widerwillig. 
Er gab ungern zu, daß er jene Frau, die in dieser fulminanten 
Weise zum »star of the season« proklamiert wurde, noch 
nicht kannte. 
»Was, Lord Bendrik, Sie kennen Mabel Hillburn noch nicht?« 
— »Ah, ah!« — »Mabel 
Hillburn, der neue Star der 
Urban-Company!«—» Be 
zaubernd wie eine Kirke, 
sag' ich!« — »Aber keusch 
wie Diana!« — »Ah, sie 
ist ein Gemälde von 
Gainsborough! Ein Kin 
dergesicht mit allen La 
stern, nein: mit allen 
Lästerchen, viel verspre 
chend — doch nichts hal 
tend !« 
Und einer wirft die 
Kastanien ins Feuer: 
»Wie, Lord? Ich dachte, 
Sie hätten schon längst 
das Strumpfband Mabels 
in Ihrer Sammlung!« 
Und der Lord greift 
nach den Kastanien. Er 
betrachtet seine langen Finger und sagt mit wenig spöttischem 
Mund: »Ich werde es in meiner Sammlung haben!« 
Stille. Dann ungläubige, ironische Ausrufe, Gelächter. 
Lord Bendrik macht einen Witz, haha . . . Ein Bursche von 
unendlichem Humor . . . haha! 
»Ich wette!« sagt der Lord ruhig.
        
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