Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

eil Sckcfi 
V o w 
ERVIN SEDDIN/ G 
E'i 
ein naßkalter Abend war's. Sie 
standen vor Heddas Haustür. 
'»Gute Nacht,« sagte sie, und reichte 
ihm ihre kleine warme Hand, von der 
ein leichter Heliotropduft strömte, »also 
morgen!?« — »Nein, nein! Nicht morgen! 
Ich kann dich nicht so lassen, — ich kann 
nicht wie ein gehorsamer Schuljunge heimlaufen! Hedda, wozu die 
Qlial? So werde doch endlich vernünftig! Du weißt, wir halten's 
beide nicht aus. Kein Mensch hält das aus und keiner will es 
aashalten. Du bist Weib und ich Mann. Alles andere ist Torheit.« 
Gepreßt kamen die Worte aus seinem Munde. Krampfhaft hielt 
er ihre Hand in der seinen, und kümmerte sich nicht um die Vor- 
übergehenden, die erstaunt den Kopf wandten, um dann im Dunkel 
der mattbeleuchteten Straße unterzutauchen. 
»Doch, du bist ein Schuljunge, Lieber! Sogar ein ganz großer. 
Denn du kennst mich so gut, und glaubst dennoch, durch Überredung 
etwas erreichen zu können.« 
»Aber Hedda,« begehrte er auf — »du weißt nicht, wozu ich 
jetzt fähig wäre. — Nenne mich, wie du willst, aber ich kann nicht 
mehr warten.« 
Und nach einer Pause: 
»Wozu leugnest du dein Blut gewaltsam? Pocht es nicht genau 
so wild wie in mir? Hast du nicht längst verraten, wie heiß dein 
Begehren ist und wie dein Wünschen so ganz dasselbe ist wie das 
meine? — Komm, Weib! Erlöse mich von diesem Marterdasein! — 
Wie soll ich Mensch bleiben, wenn mir der Wahnsinn im Nacken 
sitzt? — 
Sieh, — tagelang, nächtelang laufe ich ruhelos umher, kann weder 
schlafen noch essen. Alle Arbeit bleibt liegen, alle Pflichten sind 
unerfüllt. Und Tag und Nacht lebt nur der eine Gedanke —: Du! 
Hedda! Ich habe es bisher nicht begriffen, wie man zur Dirne 
gehen kann, aber wenn du dich nicht ergibst — « 
Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und lehnte sich 
stützesachend an die Mauer. 
»Liebste,« rief er, »so hab' ich 
es nicht gemeint! Versteh mich 
recht: Nicht aus Begierde nach 
Genuß könnte ich diesen Schritt 
tun, ah er aus Verzweiflung. Nur 
um den grausigen Schmerz zu 
durchkosten, das einzige auf 
der Welt entbehren zu müssen, 
was ich nicht entbehren kann: 
dich, dich!« 
Es begann leise zu regnen. 
Lautlos fielen die großen trägen 
Tropfen auf den Asphalt. Eine 
Turmuhr schlug elf langsame 
Schläge, die dumpf im Nebel 
verhallten. Irgendwo bellte ein 
Auto, und aus der fernen Häuser 
masse tönte verworren das Ge 
triebe des Großstadtverkehrs her 
über. 
Noch immer stand das junge 
Menschenpaar auf der Straße. 
»Ich habe dir eine Nacht ver 
sprochen«, flüsterte sie. »Und 
ich werde mein Versprechen 
halten! Aber von selbst werde 
ich kommen, und von selber 
gehen. Unsere Liebe soll weder 
an Tag noch Stunde gebunden 
sein. Wie ich freiwillig Mädchen 
war, so will ich freiwillig dein Weib 
werden. —■ Geh jetzt nach Hause, Liebster, 
und denk an dein Schaffen. Der Rausch, 
den du ersehnst, ist eben nur ein flüchtiger 
Rausch, Er wird dir niemals allein ge 
nügen. Ist er verflogen, so stehst du 
fröstelnd vor dem großen Nichts, in dem 
Arbeitslust und Können begraben liegen. Womit willst du die 
Brücke bauen bis zum nächsten Rausch? — Nur der Hunger voll 
bringt Großes, Glaub' es mir! Drum fang beizeiten an, wo du 
aufgehört hast, sonst wird dir beides nicht Befriedigung, sondern 
doppelte Last.« 
»Hedda, - ich geh' den Kampf um dich auf. — Aber was du 
mit deiner kühlen Theorie anrichtest, das ahnst du nicht. Leb' 
woni!« — 
Er riß sich los und eilte davon. 
»Wenn sie mich liebt, so folgt sie mir«, war sein einziger Ge 
danke. Aber sie folgte nicht. 
Er verlangsamte seine Schritte, sah sich um — menschenleer und 
ausgestorben lag die Straße. »Nun ist alles zu Ende.« 
Zusammengeknickt ging er weiter. Planlos. Der Gedanke an 
ein Wiedersehen war unmöglich. Diese Schmach durfte nicht ge 
schehen. Hier gab es nur eine Abrechnung, und so bald als 
möglich. 
Da - ein neuer Gedanke! Blitzartig war er aufgezuckt und 
blieb. Natürlich, so mußte es sein, nur so. -- Alles Kümmerliche 
fiel von ihm ab. Er reckte sich in neuer Kraft und sah nach der 
Uhr: eine halbe Stunde war er umhergeirrt. Nun schnell nach 
Hause! — : Hedda würde warten! 
So selbstverständlich erschien ihm jetzt diese Annahme, daß jeder 
Zweifel ausgeschlossen war. »Sie ist nicht hinaufgegangen, sondern 
sofort in meine Wohnung geeilt, um mich zu erwarten. Jetzt, in 
diesem Augenblick, sitzt sie gewiß 
auf dem grünen Sofa und horcht 
G espannt auf das Knarren der 
’reppe. Hedda, Hedda, wie konnte 
ich an deiner Liebe rütteln! Ich 
Tor, daß mir die Eingebung nicht 
gleich kam; du willst mich über 
raschen, um doppelt zu schenken, 
worum ich bat!« — 
Vorsichtig öffnete er die Tür 
seines Wohnzimmers — : stock 
dunkel. - Ein Druck auf den 
Knopf der elektrischen Leitung — : 
das Licht flammte auf. - Kein 
Mensch im Raum. Das Schlaf 
zimmer — — leer. 
Mit fiebernden Pulsen rannte 
er zur Köche, weckte die schla 
fende Aufwärterin: »Ist jemand 
hier gewesen?« — 
»Nee«, sagte sie, und wun 
derte sich nicht wenig über das 
unruhige Wesen des sonst so 
beherrschten Mannes. 
»Aus!« murmelte er. 
Als Hedda wenige Minuten 
später in weißem Ballkleid über 
die Türschwelle trat, hatte er 
den Tod der Dirne vorgezogen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.