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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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für die Hergabe seiner Wohnung in dieser Nacht 
habe der Elende zum großen Teil in Alkohol 
angelegt. 
Neues Geschrei, das Krachen eingetretener 
Türen und insgesamt drei weitere Schüsse hielten 
uns über die Fortschritte der Versöhnungsaktion 
in der Küche auf dem laufenden. Gleich darauf 
waren wir selbst auf dem laufenden. Nervöse 
Hausbewohner hatten die vier Sipo geholt. Wir 
waren 35 Seelen. Von ihnen beschlossen 
31 sich der Sipo zu ergeben. Vier versuchten 
aus besonderen Gründen — wie zu befürchtende 
Meldung beim Kammergerichtspräsidenten - 
einen Durchbruch über die Hintertreppe. Einer 
sprang fehl und wurde im Finstern von den Sipo- 
Samaritern abgefaßt und auf der Wache verpflegt. 
Der Rest entdeckte ein Schlüsselloch, das erleuchtet 
war. Es war die Küche der Wohnung eines Ameri 
kaners, der 
ein Fest beging. 
Die Köchin wur 
de erweicht, bei- 
nahe eingeweicht 
mit Papiergeld 
und rief die Dame 
des Hauses. Einer 
der besten Ver- 
leidiger Berlins 
hielt ihr ein Plä- 
doyer in eigener 
Sache und stellte 
den Antrag, beim 
Erscheinen der 
Sipo die drei 
Eindringlinge als 
Gäste der Ge- 
Seilschaft zu be 
zeichnen. So ent 
gingen drei von 
uns dem Rest 
derFreuden eines 
nächtlichen Spiel- 
höllendaseins. 
Nach einer 
Stunde standen 
wir wieder auf 
der Straße. Don 
Schultze ohne 
einen Pfennig Geld, aber mit dem edlen Bedürfnis 
nach einem Manhattan-Cocktail ausgerüstet. Der 
Rechtsanwalt schwärmte für Naocttänze und ich 
entschloß mich, mich beiden Wünschen zu fügen. Wir 
trabten in den grauenden Morgen hinein. Ein Auto 
droschkenkutscher, der träumend über den Asnhalt 
kam, hielt an und wurde um entsprechende Aus 
kunft gebeten. »Ich bin im Bilde«, sagte er groß 
zügig und fuhr uns gegen eine Taxe, die ich nicht 
nennen darf, um die Entente nicht zu neuen Griffen 
in die deutsche Tasche zu verleiten, nach der Bad 
straße, wo eine Dame von Fall zu Fall nackt 
tanzte. Auch Cocktails gäbe es dort. Es gab auch 
welche. Der Autodroschkenkutscher mixte sie selbst, 
denn siehe da, wir waren in seiner Klause. 
Es gab sieben verschiedene Cocktails, die alle aus 
demselben Gemisch bestanden und nur im Preise ver 
schieden waren, die sich nach der Schwierigkeit d&s 
Aussprechens richteten. Wer einfach einen Alias* 
verlangte, zahlte ebenso einfa* 25 Mark plus 20 v. H. 
Trinkgeldablösung. Wer na* einem Blackberrybrandyflip 
Wenn das Spiel' gemacht ist 
geht nichts mehr . . . 
s*ric, bekam Wasser 
und Kaffee in den 
Alias* und durfte 
40 Mark plus 25 v. H. 
Steuer hinterlegen. Der 
Nackttanz wurde von 
der Geliebten des 
Chauffeurs vollzogen 
und an den feurigsten 
Stellen, die dur* 
Einknicken der Knie 
der übermüdeten, 
vers*Iafenen 
Dame 
ent« 
St de/ 
stan- 
den,von 
der Tän 
zerin dur* 
Ausrufe be 
sonders ausge- 
zei*net. Es waren 
einfa*e s*li*te Ausrufe, 
die bes*eidensten kenn- 
zei*neten uns als »vaflu*te 
Hunde«, die anständige Frauen im 
S*Iaf stören/ die fortges*ritteneren Worte ließen ahnen, 
daß die arme anständige Tänzerin denno* geneigt sei, 
allerlei Zutaten zu bieten, »aber ville Jeld«. 
So verging die Na*t, und unter erpresseris*en 
Drohungen des Chauffeurs standen wir 5 Uhr morgens 
wieder auf der si*ern Straße. Unsere Gesi*ter zitterten 
in grünen Reflexen lebender Lei*name. Der Re*tsanwalt 
gähnte und fing an zu weinen, weil er kein Kokain 
mehr hatte, Don 
S*ultze aber um 
armte eine Ans*lag= 
säule, opferte an 
ihrem Fuß die an- 
s*einend zu rei*- 
li* genossenenCock- 
tails, wis*te si* 
das Gesi*t und 
rief: »O Königin, 
das Leben ist docn 
s*ön. I* selbst 
war von dem An 
blick dieser Szene 
aufs tiefste gerührt 
und habe mi* 
wortlos aufgema*t, 
um meinen heimat- 
Ii*en Gefilden zu 
zustreben. 
Morgen findet der 
Jeuzirkel in der 
B . . , . Straße 4, II 
statt. Auf Wieder 
sehen ! GepCatzt!
        
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