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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Am großen Bach im Großen Berfiner Jagdrennen. 
Phot.: Menzettaorf. 
'Rundschau im Sporttzb&n 
Von föanns Q. o t e n i u s. 
D urch die lebhafte Beteiligung des schönen Geschlechts, das 
wir heute ja in jeglichem Sport, wenn auch nicht als Kon 
kurrentin des Mannes, in stattlicher Anzahl vertreten finden, ist eine 
interessante und amüsante Note in unser Sportleben gekommen. 
Als vor etwa 50 Jahren die Gräfin Rossi, besser bekannt unter 
•hrem Künstlerinnennamen Helene Sontag, auf dem Eise des Neuen 
Sees im Berliner Tiergarten Schlittschuh lief, gab es in der da 
maligen Berliner Gesellschaft manch prüden Nörgler, der es der 
berühmten Sängerin sehr verargte, daß sie die der prau zu jener 
Zeit erlaubten Grenzen weiblichen Tuns überschritt. Es gab da 
mals noch keinen Frauensport, und selbst die eislaufende Dame 
war etwas so Ungewohntes, daß eben nur eine prau von der 
Bedeutung der Gräfin Rossi es sich erlauben konnte, 
allem Brauch und Herkommen zuwiderzu 
handeln. Die Zeiten haben sich seitdem 
geändert und die Anschauungen der 
Menschen mit ihnen. Glücklicher 
weise! Und ein freieres Ge 
schlecht ist aufgewachsen und 
freut sich, daß unsere Mäd 
chen und prauen heute 
auch ihren Anteil haben 
am fröhlichen Sport in 
freier Luft und Sonne. 
Wer wollte leugnen, 
daß er gern ein kräftiges, 
gesundes Mädchen beim 
Sport sieht! Der Anblick 
junger Menschen mit braun 
gebrannten Gesichtern und Glie 
dern, blanken, vor Tatendrang büßen 
den Augen wirkt überhaupt erfrischend 
auf jeden, der noch etwas übrig hat für 
menschliche Ideale. Viktor von Podbielski, 
der Schöpfer des Crunewald - Stadions, 
würde sich sicher gefreut haben, wenn er 
an einem der leßten Augustsonntage unsere Mädchen beim Wett 
kampf im Stadion gesehen hätte. Und sie leisten heute auch 
schon etwas, selbst wenn man einen strengen sportlichen Maßstab 
r hot.: 
P. Sennecne 
Ungarischer 'Fißhaffn eist er M. T. K. 
gegen Viktoria (2:2). 
anlegt. UnsereMädchen laufen 100 m in ISSekunden, die Münchnerin, 
Fräulein Kießling, sogar darunter noch; sie springen an 5 m weit, 
sie werfen Kugel und Diskus, ja, die Schwimmerinnen springen 
sogar vom 10-m-Turm und tun es damit manchem männlichen Sport 
genossen zuvor, dem beim Anblick der Tiefe unter ihm das Herz 
in die Hosen fällt, obwohl er für gewöhnlich keine anhaben wird, 
wenn er oben auf der luftigen Höhe des Sprungturmes steht. Eine 
prau, die sportlich so geübt ist, weiß, was sie zu leisten vermag; 
sie weiß, daß sie kraft ihres gestählten Willens manch Hindernis 
im Leben überwinden kann, vor dem andere, sportlich nicht ge 
schulte, zurückschrecken würden. Und diese Schulung, diese aus 
ihr gewonnene Willenskraft ist ein Segen, ein Gewinn für das 
ganze Geschlecht, nicht zuleßt auch für unser ganzes 
Volk, das nicht nur tüchtige, lebensreife Männer 
braucht, sondern auch ebensolche prauen. 
Hier ist der Sport keine Spielerei, wie 
vielfach im Tennis, wo — seien wir 
einmal ehrlich — häufig allein 
der Wunsch, sich vor einer 
sportlich interessierten Zu 
schauerschar auszuzeichnen 
oder Preise zu erringen, 
dasGrnndmotiv der sport 
lichen Passion darstellt. 
Hier ist der Sport in erster 
Linie Mittel zum Zweck, 
und dieser Zweck ist eben 
die Stählung und Gesundung 
des Körpers. Und diese ist 
heute wichtiger als je zuvor. Unsere 
meisten prauen und Mädchen sind, den 
Zeitverhältnissen Rechnung tragend, heute 
in irgendeinem Berufe tätig, verbringen 
die größere Hälfte des Tages in irgend 
einem Bureau bei angestrengter Arbeit. 
Da ist es denn kein Wunder, daß sie das 
dringende Bedürfnis empfinden, in ihren freien Stunden, oder auch 
nur Sonntags, frische Luft zu atmen, die Glieder zu recken und sich 
einmal als freie Menschen zu fühlen. Mit dem Wahlrecht hat die
        
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