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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Von Renate. 
N ie spielt das Kind eine so 
große Rolle wie nach dem 
Kriege, der das Land entvölkert 
hat, nie setjt man auf die kleine 
Menschheit so große Hoffnun 
gen als dann, wenn sie dazu be 
rufen ist, Lücken, die der Tod 
in die große gerissen, zu füllen. 
Photos: R. Senne die. 
Gute Nadit! 
Erwachsene glauben immer, 
die Gefühle der zweiten 
verbesserten Auflage der 
Menschheit seien von ihren 
eigenen himmelweit ver 
schieden. Dem ist nicht 
so. Dem Menschen ist das 
Talent der Nachahmung an 
geboren. Sobald die junge 
Eva nur so weit heran 
gewachsen ist, daß sie 
ihren Gedanken verständ 
lichen Ausdruck geben 
kann, paßt sie sich in Be 
wegungen und Äußerungen 
ihrem mütterlichen Vor 
bilde, der alten Eva, an, und der junge Adam ist erst dann 
wahrhaft glücklich, wenn er Hosenträger wie sein Vater 
tragen und seine Krawatte wie er binden kann! 
Man betrachte einmal ein kleines Mädchen, das sich 
unbeobachtet glaubt, wenn es vor einem Spiegel steht und 
ein neues Kleid anprobiert. Tänzelnd geht es auf sein Konter 
fei zu, lächelt es befriedigt an, dreht sich nach rechts, dann 
nach links, beguckt sich von hinten und von vorn, macht 
dem Spiegelbilde allerliebste Verbeugungen, mit einem 
Wort — benimmt sich wie die Mutter! Und es hat recht, 
denn es verhilft auf seinem Körper en miniature derselben 
Mode zum Siege wie die Frau Mutter auf ihrem großen. 
Gewiß, es ist das hübscheste für unsere Kinder, sie ein 
fach und anspruchslos anzuziehen, denn sie werden durch 
ihre Jugend geschmückt, die keinerlei nachhelfender Mittel 
bedarf. Immerhin läßt sich auch bei den ganz Kleinen 
ein Modestil verfolgen, der dem der Großen entspricht 
und sich dem jeweiligen Geschmack anpaßt. 
Sobald das winzige Wesen den ersten Spitjen entwachsen 
ist, ist die Mutter nicht mehr Alleinherrscherin, der Ge 
schmack der Tochter spricht ein Wörtchen mit. Tochter 
oder Sohn — mit fünf Jahren will man elegant sein! Man 
will nicht mehr als ein mehrere Pfund schweres Fleisch 
paket behandelt wer 
den, man gleicht eher 
einer Puppe, die — 
wie Mama und Papa 
— cinhergeht.schwatjt 
und persönlich ist. 
Ist diese J^ersön- 
lichkeit ein Mädchen, 
so ist sie zärtlich, an 
schmiegend, kokett, 
und wird sich schon 
sehr früh ihres Reizes 
bewußt, ist sie ein 
Junge, so wird sie 
etwas linkisch und 
schwer, aber doch 
mit der unvergleich- 
Der Hefd des Tages. 
liehen Anmut, der den 
kleinen Exemplaren der 
Menschheit nun einmal ei 
gen ist. Für jede muß 
eine originelle, praktische, 
kleidsame Aufmachung ge 
funden werden. 
Gibt es etwas reizvolle 
res für die kleine Dame 
von Welt als ein Spitjen- 
kleidchenmitValenciennes- 
Durchbruch oder Stickerei? 
Oder eins jener abstehen 
den, an die Krinoline er 
innernden steifen Röckchen 
Die ersten Höscßen.
        
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