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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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abzufmden, peinigte er siA und seine Frau mit irgendwelchen Mög 
lichkeiten, die weit im Bereiche des Unmöglichen lagen. Er fing an 
sich selbst zu bespötteln. Seine Frau hatte recht, er war wirklich 
ein Narr und ein Träumer! 
Der Wagen hielt vor der Klinik. Elastisch sprang Professor 
Born aus dem Wagen und begab sich mit eiligen SAritten in das 
Krankenhaus. 
Professor Born hatte die Krankenvisite beendet und trat in das 
kleine, zur Station gehörige Laboratorium, um noA einige kleine 
Arbeiten zu erledigen. 
»SAwester Käte!« 
»Bitte, Herr Professor?« Die Gerufene ersAien in ihrer weißen 
SAürze und mit der großen SAwesternhaube im Türrahmen. 
»AA, SAwester Käte, würden Sie vielleiAt so liebenswürdig 
sein und meiner Frau telephonieren, daß iA in einer Stunde zu 
Hause bin!« 
»Jawohl, Herr Professor.« Lautlos versAwand ihre weiße Ge 
stalt und die Tür fiel leise ins SAloß. 
Bora setzte siA an den TisA. Er durAblätterte und untersArieb 
einige Krankenpapiere. Dann wandte er siA dem Inhalt einiger 
Reagenzgläser zu. Er nahm seine StreiAhoIzdose aus der TasAe 
und zündete das kleine SpirituslämpAen an, das zum koAen der in 
den Gläsern befindliAen Flüssigkeiten benutzt wurde. 
Ein GläsAen naA_ dem anderen wurde über das LämpAen ge 
halten, geprüft und dann wieder in sein HolzständerAen gestellt. 
Born hatte eine Zeitlang gearbeitet. Die SAläge der Krankenhausuhr 
klangen herüber. Er zog seine Uhr. In einer halben Stunde wollte 
er ja zu Hause sein. Eilig nahm er ein neues FläsAAen vom 
Ständer, um es über die Flamme zu halten. 
»AuA das noA!« stieß er mißmutig hervor. Die Lampe war 
vollkommen ausgebrannt und gab nur noA ein kleines, spärliAes 
FlämmAen. Hastig griff er naA der SpiritusflasAe. Er neigte siA 
über die Lampe und zog den brennenden DoAt etwas in die Höhe, 
um sAnell etwas naAzufüllen. — Ein leiser, puffender Knall! — 
Bin Sekunde lang leuAtendes, blaues LiAt! — Dann ein rasender, 
bohrender, brennender SAmerz in den Augen und im GesiAt! — 
Professor Born flog zurück, seine Handballen preßten st'A auf die 
Augen. Ein hoAbeiniger gläserner InstrumentensArank stürzte 
klirrend zur Erde. 
»Um Gottes willen, Herr Professor!« ersArocken trat SAwester 
Käte ins Zimmer. 
»Rufen Sie sofort Professor StrauA von der Augenstation her 
über!« rief ihr Born heiser entgegen. Regungslos blieb er stehen, 
die Hände auf die Augen gedrückt. Er daAte niAts, er fühlte nur 
das wahnsinnige SteAen und Bohren in den Augen. 
Auf dem Korridor näherten siA hastige SAritle. »Aber Herr 
Kollege, was haben Sie denn gemaAt?« Professor StrauA trat auf 
Born zu und nahm ihm die Hände vom GesiAt. 
»IA habe PeA gehabt, mir ist die Spirituslampe in die Luft 
geflogen.« 
Professor StrauA erwiderte kein Wort. Er gab der SAwester 
einige leise Anweisungen und begann die Glassplitter aus den Augen 
zu entfernen. Seine Hände waren unsiAer und zitterten, er mußte 
einen Augenblick innehalten. Das SAitksa! Borns, mit dem er oft 
zusammen gearbeitet hatte und den er hoA sAätzte, ging ihm nahe. 
Sein erster Blick hatte ihm gezeigt, daß es keine Hilfe gab. 
»Na, ist die SaAe sAIimm?« fragte Bom, kräftig den SAmerz 
verbeißend, den ihm die Entfernung der GlasstückAen bereitete. 
SißfiopAifen 
und Sammler finden Seltenheiten in 
OriginalzeiAnungen vorrätig. AuA 
Angaben werden berücksichtigt 
Richard tlegemann. SdiOnebent Tempelhofer Str. i 
Professor StrauA gab keine Antwort, still arbeitete er weiter. 
EndliA hatte er den letzten Splitter heraus und legte ihm einen 
kühlenden Verband über die Augen. »IA bin fertig«, sagte er mit 
gepreßtem Tone. »Weiter kann iA niAts tun.« 
»Wie lange wird denn die Ges Ai Ate dauern, bis iA wieder an 
ständig sehen kann?« 
»Herr Professor Born,« StrauAs Stimme zitterte, »iA glaubte. 
Sie wären siA als FaAmann mehr im klaren über die Art Ihrer Ver 
letzung.« i 
»Wieso — wie meinen Sie das?« Die Frage klang ganz ruhig, und 
doA kroA mit ihr eine geheime, gräßliAe Angst aus seinem Munde. 
»Ihre Augen sind durA die Explosion derart zerstört, daß Sie naA 
mensAHAem Ermessen —« ErsAüttert braA Professor StrauA ab. 
Eine lastende, qualvolle Stille entstand. Aus den EAen quoll 
grinsend das Grauen und füllte den Raum. 
Langsam zog siA Born an der TisAkante von seinem Stuhl hoA. 
Er stand steil naA vorn geneigt. Seine Hände kroAen mit aus- 
gespreizten Fingern wie Spinnen über den TisA. 
»Dann - bin iA wohl - blind?« Ganz langsam und leis fielen 
die Worte von seinen Lippen, wie müde 1 ropfen. Das bange SAwei- 
gen im Zimmer gab ihm die Antwort auf seine qualvolle Frage. 
Draußen sauste eine Straßenbahn vorüber und stieß mit gellender 
GIoAe in die drüdeende Stille. Seine Gedanken flogen regellos, wie 
Blätter vor dem Wind, durA sein Hirn. Er daAte an sein Weib. 
Da stoAte auf einmal der wilde Reigen seiner Gedanken. War er 
denn ein Narr, träumte er? — DeutliA, ganz deutliA hörte er die 
Stimme seines Weibes: ,Nein, — iA glaube, iA könnte diA niAt 
mehr lieben! Was sollen dem Tauben die berausAenden Töne der 
Musik? Er hört sie niAt. Was also soll dem Blinden die SAönheit? 
Er sieht sie niAt/ — 
Wie ein grelles - LiAt fielen die Worte in seine Seele. Konnte 
denn dies alles Wahrheit sein! War denn eine derartige Ironie mög- 
liA? Es lagen doA nur ein paar kurze, arme Stunden zwisAen 
Morgen und Mittag! Und in diesen paar armseligen Stunden sollte 
das UnmögliAe, GräßliAe wahr geworden sein? Konnte das SAick» 
sal so bodenlos läAerliA, so läAerliA boshaft sein? Weiter kam 
er niAt in seiner Überlegung, hier bohrten siA seine Gedanken fest. 
Sein Mund zog siA sAief in die Höhe. Ein würgendes, gurgelndes 
LaAen braA aus seinem Hals. »Herr Kollege, - hahaha — Herr 
Kollege! Sie ahnen ja gar niAt, wie läAerliA das ist! — Hahaha — 
so eine LäAerliAkeit!« Unaufhaltsam, ohne Ende quoll das gräß 
liAe, wahnsinnige LaAen aus seiner Kehle, und dazwisAen gellte 
seine Stimme unaufhörliA; »So eine LäAerliAkeit, —so eine LäAerliA 
keit!« — Entsetzt starrten der Professor und die SAwester siA an. 
Großer Gott, hat er etwa den Verstand —? 
Zwei Krankenhausdiener traten mit einer Tragbahre ins Zimmer. 
Professor Born wurde aufgebettet und hinausgetragen. Pie langen, 
leeren Korridore gaben hallend das EAo seines fürAterlidien LaAens 
wieder, aus jeder NisAe sAoll es: »So eine LäAerliAkeit, — S o eine 
LäAerliAkeit!« — 
Jetzt hatten sie die Straße erreiAt. Borns Stimme gellte zu den 
Fernstem herauf. Sie hörten, wie die Bahre polternd in das Kranken 
auto gesAoben wurde. NoA einmal hörten sie sein sArilles LaAen, 
— »So eine LäAerliAkeit — so eine LäAer . . .« — — dumpf sAIug 
die sAwere Tür des Krankenwagens zu. Dann hörten sie niAts mehr. 
Nur das leise Surren des angekurbelten Motors tönte herauf. Er 
sAüttert braA Professor StrauA auf dem Stuhl zusammen. In der 
Ferne hallte die tiefe Hupe des Krankenautos. — Professor Born fuhr 
heim in sein Haus, wo ihn sein sAönes Weib, zum Fest geAmüAt, 
erwartete. 
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C Kamvalftav Fähigkeiten, Neigungen, Leidenschaften usw. 
■ ■ *—I — S» Bw * | nach Handschrift, Photo u, Geburtsdatum. 
S —, 9 _ Bf — h ■ Krankheiten, Beruf, Charakter, Ehemöglich - 
C BS ■ * B% ® B y keiten usw. nach Handlinien u. Geburts 
datum. Mündliche und schriftliche. Bisher ca. 2Ö000 Beurteilungen! 
Glänzende Anerkennungen 1 Ständig Kurse, auch für Beruf. 
Lehr- u. Untersuchungs-Institut f. prakt. Mensch enkenntnis 
Marburg a. d. Lahn, Filiale Berlin SW 48, Friedrichstr. 911. / Fernspr. Mpl. 5661. 
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